Zweiter Band. 205
der Stern war im Erlöſchen, oder vielmehr leuchtete nur noch in der Erinnerung. Zwar hatte man ſich offenbar Mühe gegeben, den fatalen Eindruck der letzten Scene vor Wolfgangs Abgang von Rheinſtadt wieder gut zu machen. Man hatte auf das zarteſte Roſapapier einen Brief über den andern geſchrieben, ſich wegen des„lächerlichen Miß⸗ verſtändniſſes“ zu entſchuldigen, und den„Verlobten“ der„überſchwäng⸗ lichſten Liebe“ zu verſichern.— Wolfgang hatte im Anfang mit der Gläubigkeit des Liebenden dieſe Verſicherungen entgegengenommen; er hatte die ſchöne Schreiberin gebeten, das Geſcheheue vergeſſen ſein zu laſſen, und war dann auf die Themata übergegangen, die ſeine Seele ſo ganz in Anſpruch nahmen, und über die ſich auszuſprechen, gegen Diejenige auszuſprechen, die ſich ihm zur Gefährtin ſeines Lebens ver⸗ lobt hatte, ſeinem Herzen Bedürfniß war. Aber man hatte ſich auf dieſe Themata nicht eingelaſſen; man hatte ſo lange fortgefahren, nichtsſagende und überdies ſchlecht ſthliſirte Billetchen auf das zarteſte Roſapapier zu kritzeln, bis Wolfgangs Gläubigkeit vor dieſer voll⸗ kommenen Ideenloſigkeit ſtutzig wurde und zuletzt in eine Verzweiflung an dem Idol umſchlug, vor welchem ſeine junge, liebebedürftige Seele ſo innig angebetet hatte.
Vielleicht trug mehr, als Wolfgang ſelbſt es wußte, zu dieſer Wandelung ein Brief bei, den er aus dem Hauſe in der Ufergaſſe erhielt, nachdem er ſchon einige Wochen in der Reſidenz geweſen war, und den er im Laufe des Sommers ſo oft las, daß er ihn ſchließlich auswendig wußte. Auch jetzt, während er in der dunklen Nacht auf dem Walle der Baſtion ſtand und ſich von den naßkalten Schwingen des winterlichen Weſtwindes die heiße Stirne kühlen ließ, mußte er immer wieder dieſes Briefes denken.....
„Lieber Wolfgang! Die Tante trägt mir auf, Dir zu ſchreiben, daß ſie Dich noch immer ſehr liebt, und daß Du ihr um dieſer ihrer Liebe willen die Unfreundlichkeit verzeihen möchteſt, deren ſie ſich an jenem unglücklichen Abend vor Deiner Abreiſe gegen Dich ſchuldig ge⸗ macht hat. Ich glaube, daß es Dir nicht ſchwer werden wird, dieſe Bitte zu erfüllen, denn Du weißt ſo gut wie ich, daß die Tante das bravſte Herz auf der Welt hat, und daß ſie es niemals bös meint, auch wenn ſie ſich noch ſo weit von ihrer Leidenſchaftlichkeit hinreißen


