46 Die von Hohenſtein.
keine Geduld mehr mit allen dieſen Ueberſpanntheiten!“ ſagte Tante Bella, ihre Brille von der Naſe nehmend, in das Futteral ſteckend und das Futteral heftig in den Arbeitskorb werfend.
„Sind Sie bei Cajus geweſen, Schmitzorum?“ fragte Holm, der Tante Bella, wenn ſie in ihrer„Gefechtsſtimmung“— wie er es nannte— war, ungern widerſprach.
„Ja,“ ſagte Schmitz,„es iſt Alles ſo, wie Bella es ſagt; er will auch Niemand ſehen, außer Münzer. Der Cajus iſt nicht klug.“
„Aber, Ihr lieben Leute, was wollt Ihr nur?“ rief Holm, bei⸗ nahe ärgerlich, daß er auch von dieſer Seite auf Widerſpruch ſtieß. „Man muß die Menſchen nehmen, wie ſie nun einmal ſind, und das hält doch auch am Ende ſo ſchwer nicht, zumal wenn die Menſchen ihre Sonderlichkeiten nicht auf Koſten Anderer kultiviren. Cajorum iſt ein wunderlicher Heiliger. Sie wiſſen, ich habe eine inſtinktive Abneigung gegen dergleichen fanatiſche Naturen; aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausſchütten. Wer von uns weiß denn, wie Cajorum ſo geworden iſt, wie er iſt? wie das Schickſal auf ihm herumgehämmert haben mag, bis ein ſolcher alter, eigenſinniger, ver⸗ bogener Nagel aus ihm wurde? Als er vorgeſtern in unſer Büreau trat und ſich zu der Correctorſtelle meldete, ſagte ich zu Münzer: Hören Sie, Münzer, der Mann gefällt mir nicht.— Aber mir ge⸗ fällt er! antwortete Münzer, denn er iſt arm und unglücklich.— Das war eine noble Antwort von dem Münzer und ich habe mich an das: Arm und Unglücklich gehalten und den Teufel nicht weiter darnach gefragt: ob mir der Cajorum gefalle oder nicht.“
„Aber Holmchen,“ unterbrach Tante Bella den Eifrigen,„von Gefallen oder Mißfallen iſt hier auch gar nicht die Rede, ſondern davon, ob einer vernünftig hanvelt, oder nicht. Und ich ſage noch einmal: der Cajus iſt ein Narr, daß er die Hülfe, die ihm freund⸗ lich geboten wird, nicht freundlich annimmt. Da ſchwatzt Ihr immer vom demokratiſchen Princip und von Brüderlichkeit und von Gott weiß was für ſchönen Dingen und wenn Ihr einmal nach Euren Wor⸗ ten handeln ſollt— ja, da ſind die Herren nicht zu Hauſe; da hüllt ſich Jeder in ſeinen alten Stolz und in ſeine alte Eigenliebe und thut, als ob er allein auf der weiten Welt wäre. Sprecht, wie Ihr denkt,


