38 Die von Hohenſtein.
die Erinnerung an uns nicht drückend bleibt, daß er es ganz vergißt, wie wir ihm einſt gehörten“....
Und wieder rollten bei dieſem ſchmerzlichſten Gedanken, den eines Weibes Seele denken kann, die Thränen über Clärchen's Wangen.
„Kann er uns denn ganz vergeſſen? vergeſſen Alles, was wir zuſammen erlebt und erlitten? kann er denn wirklich eine Andre fin⸗ den, die ihn beſſer verſteht, als ich? die ihn mehr lieben kann, als ich ihn geliebt habe und noch liebe? Nein und tauſendmal nein?— Es iſt ja nicht möglich, vaß wir uns trennen können. Und wenn ich Alles ſeinethalben erdulden wollte— kann er denn ohne mich zu⸗ frieden ſein? wird er nach mir nicht zurückverlangen, wenn es zu ſpät iſt? wenn er einſieht, daß es kein Menſch ſo treu mit ihm gemeint hat, als ich? wenn er einſieht, daß die, welche im Glück ſich an ihn
drängten, im Unglück ſich von ihm wenden?— Und wenn er dann meiner bedürfte— wenn er allein und verlaſſen und krank daläge
und ich müßte mir ſagen, daß mein Stolz ſchuld daran ſei, daß er mich doch bei ſich behalten und doch geliebt hätte, wenn ich weiſer geweſen wäre und demüthiger— o, mein Gott, mein Gott, was ſoll ich thun— was ſoll ich thun?“
Und die unglückliche junge Frau ſtreckte die hülfloſen Arme zum mitleidsloſen Himmel— einem Ertrinkenden gleich, der ſeine Kraft gebrochen fühlt und weiß, daß der finſtre Abgrund ihn im nächſten Augenblicke verſchlingen wird.
Da ertönten von nebenan fröhliche Kinderſtimmen:„Mama! Mama! wo biſt Du denn, Mama?“
Karl und Ella waren aus der Schule gekommen. Sie wollten ihr Vesperbrot haben.
Clärchen drückte das Taſchentuch vor die Augen, damit die Kin⸗ der die Spuren der Thränen nicht bemerkten.
„Hier, Kinder!“
„Ah, da iſt Mama!“ rief Karl, der Mutter entgegenlaufend;„ich bin ſo hungrig! ich bin dem Papa begegnet; er ſah mich anfangs nicht; da bin ich an ihn herangeſchlichen und hab' ihn ordentlich erſchreckt.“
„Das war nicht recht, Karl.“


