36 Die von Hohenſtein.
„Du haſt etwas Unwichtiges vergeſſen, Bernhard!“
„Was iſt's?“
„Mir Adieu zu ſagen.“
„Adieu, Clärchen!“
Münzer ſtreckte ſeiner Gattin lächelnd die Hand entgegen. Clärchen flog in ſeine Arme und legte ihren Kopf an ſeine Bruſt; aber ſogleich riß ſie ſich wieder los und wie ſie ſich von Münzer ab zum Fenſter wandte, ſah er, daß ihr die Thränen in den Augen ſtanden.
Münzer ſchien einen Augenblick zu ſchwanken, ob er gehen ſolle oder bleiben; dann legte er den Hut und die Papiere auf den Stuhl, trat an Clärchen heran und ſagte:
„Warum weinſt Du, Clärchen?“
Clärchen wandte ſich halb um und verſuchte zu lächeln:
„Das kommt wohl ſo;“ ſagte ſie.
„Du biſt unglücklich, Clärchen.“
„Ich bin's, wenn Du es biſt und— Du biſt es.“
Münzer's Stirn verdüſterte ſich.
„Das alte Lied,“ ſagte er.
„Das alte Lied!“ wiederholte Clärchen;„das alte Lied, zu dem der Tert nicht ausgeht.“
„Weil Du immer neue Strophen dazu dichteſt.“
„Ich bin kein Dichter, Bernhard! Ich dichte Deine Sorgen, Deinen Kummer, Deine ſchlafloſen Nächte nicht. Das Alles iſt wirklich.“
„Und was kannſt Du dafür?“
„Sehr viel! Du hätteſt nicht heirathen ſollen. Du mußteſt frei ſein. Du haſt mehr zu thun, als für Frau und Kinder zu ſorgen. Du würdeſt vielleicht auch ſo nicht glücklich ſein, aber doch nicht ſo unglücklich.“
Clärchen ſagte das ſo ſtill, ſo in ſich gefaßt— es war Münzer, als ob ſeine Seele hüllenlos vor dem ruhigen, klaren Auge ſeines Weibes läge. Er wollte und konnte nicht lügen; er konnte nichts ſagen, als:
„Und werden wir nun dadurch glücklicher?“


