Zweiter Band. 33
Piertes Capitel.
Bernhard Münzer hatte ſchon häufig in ſeinem Leben empfunden, welcher Segen für ein leidenſchaftliches Herz eine alle Fibern des Gehirns anſpannende Arbeit iſt, aber noch nie ſo ſehr, als in dieſen beiden letzten Tagen. Wieder ſtand er einmal vor einem Räthſel ſeines räthſelvollen Daſeins, vor einer Sphinx, die ihn nur deshalb im Anfang mit ſo ſüßen Mienen angelächelt hatte, um ihn im nächſten Augenblick als widerlich verzerrte Teufelsfratze anzugrinſen. Das alte Gaukelſpiel der Phantaſie! wie oft hatte es ihn ſchon entzückt, ent⸗ ſetzt— genasführt! Wie genau kannte er die kunſtvolle Verſchürzung, die anmuthige Entwickelung, die jähe Kataſtrophe, und— das düſtre Nachſpiel!— nicht jene reueſelige Zerknirſchung, die weinend Buße und Beſſerung gelobt— ſie kannte Münzer nicht, hatte ſie nie ge⸗ kannt!— wohl aber jenen finſtern, grimmigen Zorn, mit welcher die gramesdüſtren Augen von Milton's Satan den Wunderbau einer Welt durchmuſtern, die nur für ihn kein Kosmos iſt. Nur für ihn? nein! auch für unzählige Andre, die ſo wenig, wie er ſelbſt, jemals zur Freude, zur Ruhe und zum Frieden kommen!— und wenn auch nur für ihn! iſt er denn nicht ein Theil des Alls— ein unendlich winziger Theil— ein Atom— gleichviel, ſo immer doch kein Nichts, ſo immer doch ein Etwas, das lebt und fühlt und denkt und leidet, unſäglich leidet unter dieſem Zwieſpalt eines tiefen klaren Geiſtes, der mit ſeiner ganzen ſtolzen Kraft nach Wahrheit, der ganzen Wahr⸗ heit und nach Bethätigung der ganzen Wahrheit ſtrebt, und einem nicht minder tiefen, dunklen Herzen, das ſich mit ſeiner ganzen nicht minder ſtolzen Kraft nach Befriedigung, der vollen, ganzen Befrie⸗ digung ſeiner ausſchweifenden Wünſche ſehnt. Wie hatte er gerungen, dieſen Zwieſpalt zu verföhnen! wie hatte er dieſem höchſten Ziele die duftigſten Blüthen ſeiner Phantaſie mitleidslos geopfert! wie hatte er
mit zitternden Händen abgeriſſen das koſtbare Herrenkleid, die edlen Fr. Spielhagen's Werke. vII. 3


