32 Die von Hohenſtein.
„Ich glaube, meine Bruſt iſt angegriffen; ich muß doch einmal mit dem Medicinalrath ſprechen.“
„Du biſt ein Hypochonder geworden, lieber Bruder,“ ſagte der Präſident, der ebenfalls aufgeſtanden war.„Iſt auch nicht zu ver⸗ wunvern; Du haſt außerhalb Deiner eigentlichen Sphäre gelebt, ſo etwas bekommt Einem immer ſchlecht. Doch das wird ſich jetzt Alles ändern. Ich habe auch meine Sorgen gehabt und habe ſie noch. So ein armer Beamter, noch dazu wenn er eine höhere Stellung einnimmt, iſt übel daran. Unſern Kindern wird es hoffentlich beſſer gehen. Ich darf doch ſagen: unſern Kindern?“
„Lieber Bruder!“ ſagte der Stadtrath und öffnete ſeine Arme.
„Aber nun will ich fort,“ ſagte der Präſident, nachdem er ſich der ſtummen Umarmung entzogen hatte.„Ich habe heute noch eine Welt von Geſchäften abzuarbeiten. Und dazu iſt heute Abend Clotil⸗ dens Empfangstag: Du ſollteſt doch auch kommen! junge Officiere, hübſche Mädchen... A propos: hübſche Mädchen! Wer war denn die Kleine in Trauer, die aus Eurem Hanſe kam, eben, als ich hineinging?“
„Eine Nichte meiner Frau,“ fagte der Stadtrath,„die Tochter ihres Bruders in Thüringen, der vor einigen Tagen geſtorben iſt. Meine Frau hat eine merkwürdig unbequeme Anhänzlichkeit an ihre Familie. Ich hatte eben, als Du kamſt, eine kleine Dispüte mit ihr gerade über dies Khitel.“
Der Präſident lachte,„kann mir denken, muß Dir gerade jetzt ein wenig unbequem ſein. Nun, nun, das arrangirt man ſo peu à peu. Keinen Schritt weiter, lieber Bruder, à revoir!“
„Sieht in der That elend aus, mon cher frère,“ murmelte der Präſident, als er die einſame Kloſtergaſſe langen leiſen Schrittes hinab⸗ hing;„glaube wirklich, daß er's nicht mehr viele Jahre treibt.— Das alſo wäre glücklich geordnet! Ich habe einen feinen Kopf für Geſchäfte der Art. Wie klug, daß ich mir gar nichts merken ließ! Nun habe ich nur noch dem demokratiſchen Bären einen Ring durch die Naſe zu ziehen, daß er nolens volens nach meiner Pfeife tanzt. Sechs Uhr! wie die Zeit hingeht! Droſchke!— Nach dem Präſidial⸗ Gebäude!“—


