28 Die von Hohenſtein.
Ich muß in die Sache Klarheit bringen. Clotilde hat ſich, wie es ſcheint, in gewohnter Weiſe wieder einmal zu tief eingelaſſen. Es iſt die höchſte Zeit, daß ich die Angelegenheit in die Hand nehme. Jeden⸗ falls iſt dies Haus das rechte; da ſteht ja auch der Name auf dem Klingelſchild.“
Der Präſident klingelte und fragte: ob der Herr Stadtrath zu Hauſe ſei.
„Jeſſus Maria, Herr Präſident!“ ſchrie die„dumme“ Urſel, welche vor Jahren einmal im Hauſe des Präſidenten gedient hatte, und von den Zwiſtigkeiten der Familie Hohenſtein hinreichend unter⸗ richtet war,„nein, wird ſich aber der Herr Stadtrath freuen! Wollen Sie hier in den Herrn ſein Zimmer treten, Herr Präfident; ich will nur eben hinauflaufen und ſagen, daß Sie hier find.“
„Aber ich werde doch nicht ſtören, liebes Kind?“
„Jeſſus Maria, ſtören! Bitte, treten Sie näher, Herr Präſident.“
Urſel drängte faſt den Präſidenten in das rechts vom Flur zu ebener Erde gelegene Zimmer ihres Herrn und machte die Thür hinter ihm zu. Der Präſident ſah ſich neugierig in dem Zimmer um; er war, ſo lange der Stadtrath verheirathet war, noch nie bei demſelben geweſen. Er hatte ſich die häusliche Einrichtung des Bruders— wenn er einmal, was ſelten geſchah, daran dachte— immer klein, unbedeutend, armſelig vorgeſtellt und war deshalb einigermaßen er⸗ ſtaunt, das gerade Gegentheil von dem Allen zu finden. Teppiche auf dem Fußboden, etwas alterthümliche, aber bequeme, ſogar koſt⸗ bare Meubel, ſeidene Gardinen vor den Fenſtern, ſchöne Kupferſtiche und treffliche Gypſe an den in pompejaniſchem Roth gemalten Wän⸗ den. Stattlicher ſah es in ſeinem eigenen Arbeitscabinet nicht aus. „Ja, ja, wir Hohenſteins haben Geſchmack,“ ſagte der Präſident;„es iſt ein eigenes Ding um den Vorzug, aus guter Familie zu ſein, man encanaillirt ſich doch nicht ſo leicht, wie ich ſehe. Hm, hm! Es wäre am Ende ſo übel nicht— wenn man nur des Alten ſicher wäre.“—
Der mit Akten und Papieren beveckte Arbeitstiſch des Stadtraths erregte die Aufmerkſamkeit des Präſidenten. Ein offener, mit großen plumpen Buchſtaben geſchriebener Brief lag ſo, daß man ihn— wenn


