Teil eines Werkes 
8. Band, Die von Hohenstein : Roman : 2. Band (1867)
Entstehung
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26 Die von Hohenſtein.

So mit ſorgſamen Händen nach rechts und links den billigen Samen koſtbarer Popularität ausſtreuend, kam der Präſident zuletzt in ein ruhigeres Quartier der Stadt. Der Präſident hatte dieſe Straße lange nicht geſehen, ſo lange nicht, daß ſie ihm beinahe ganz fremd erſchienen. Und doch war er in frühern Jahren oft hier ge⸗ weſen. In einem Hauſe, das ſeinen ſchmalen hohen Giebel nach einem halb mit Gras bewachſenen kleinen Platz kehrte, der auf zwei Seiten von düſtern Kloſtergebäuden begrenzt wurde, hatte drei Treppen hoch ein wunderhübſches Mädchen gewohnt, in die der Auscultator von Hohenſtein leidenſchaftlich verliebt geweſen war und die ihrerſeits ven vornehmen ſchlanken jungen Mann noch viel leidenſchaftlicher ge⸗ liebt hatte. Der Präſident erinnerte ſich, daß er auf derſelben Stelle, auf welcher er jetzt einen Moment ſtehen blieb, um nach dem Giebel⸗ hauſe hinüber und hinauf zu blicken, vor nun ungefähr dreißig Jahren in einer ſchönen Maiennacht von der braunäugigen Agathe Abſchied genommen hatte, da er am nächſten Morgen in die Reſidenz reiſen mußte nur, um ſein zweites Eramen zu machen und dann wieder zu kommen, wie er dem weinenden Mädchen ſagte, in Wirklichkeit aber, um viele Jahre wegzubleiben. Er hatte die kleine Agathe nicht wie⸗ vergeſehen; er wußte nicht, was aus ihr geworden war; einmal hatte er, aber nicht als beſtimmt, gehört, das Mädchen habe einen ſchlechten Lebenswandel angefangen uld ſei ſpäter in der Charité der benach⸗ parten Univerſitätsſtadt elend geſtorben. Es war eine unbequeme Reminiscenz und der Präſident hielt ſich nicht lange dabei auf; er hatte Wichtigeres zu thun und er beeilte ſeine Schritte, bis er in die breitere Straße gelangte, in welcher, wie er wußte, das Haus ſeines Bruders lag. Es war eine ſtile, melancholiſche Straße; die eine Seite wurde von der langen hohen Mauer des Kloſterhofes, über welche uralte Bäume ihre zum Theil verdorrten, zum Theil mit jungem Laub ge⸗ ſchmückten Aeſte ſtreckten, begrenzt. Die Häuſer auf der andern Seite waren meiſtens zweiſtöckig und ſahen ſich, da ihre Wände alle mehr oder weniger mit Weinſpalieren bekleidet waren, ſo ähnlich, daß der Präſident nach einigem Suchen daran verzweifelte, das rechte zu fin⸗ den und es für das gerathenſte hielt, eine Dame in Trauerkleidung, die eben aus einem der Häuſer getreten war und ihm in dieſem