Zweiter Band. 25
dent wollte die ſchöne Schwägerin gar nicht aufhalten, er wollte ſie nur im Namen ſeiner Damen und in ſeinem eignen Namen— hier verbeugte ſich Herr von Hohenſtein— daran erinnern, daß heute Empfangsabend in ſeinem Hauſe ſei. Dann erwähnte er— ganz zufällig— ſeines Gegners, des Dr. Münzer, welcher, ſehr wahrſchein⸗ lich wenigſtens, heute Abend ebenfalls zum Thee kommen werde, und dann ſeufzte er und meinte:„Wenn ich Jemand wüßte, der dieſen Mann auf unſere Seite bringen oder unſchädlich machen könnte, ich— aber, ma chère Antonie, da ſtehe ich und ſchwätze und thue, als ob ich nicht fähe, wie Sie vor Aerger über dieſen Aufenthalt an den ſchönen Lippen nagen, und nicht hörte, wie Ihr Pferd die ganze Straße in Allarm ſcharrt. Adieu! Kommen Sie nicht zu ſpät, und reiten Sie deshalb nicht ſo weit!“
Der Präfident lächelte, verbeugte ſich, lächelte und verſchwand, tippte unten im Vorbeigehen mit der Spitze des Zeigefingers An⸗ tonien's Pferd auf den ſchlanken Hals und ſchritt dann, die ſchmalen langen Hände auf dem langen ſchmalen Rücken, durch die engen, menſchenerfüllten, lärmenden Gaſſen dahin. Obgleich er die Augen kaum von ſeinen zierlichen Lackſtiefeletten zu erheben ſchien, bemerkte er doch offenbar Alles, was um ihn vorging. Der Gruß auch des geringſten Handwerkers wurde verbindlichſt erwidert; einem Knaben, der weinend neben den Scherben eines Bierkruges, welcher den un⸗ geſchickten Händen entglitten war, ſtand, ſchenkte er ein Zehngroſchen⸗ ſtück(zur größten Genugthuung einer Schaar alter Weiber, die ſeit einer Viertelſtunde eifrig auf den Buben eingeredet hatten) und ſagte dabei(mehr zu den Weibern, als zu dem Knaben:)„Wenn Dein Vater Dich fragt: wie Du zu dem Gelde kamſt, ſage nur: der Prä⸗ ſident von Hohenſtein habe es Dir gegeben.“ In einer andern Straße trat er auf die Seite, um eine Prozeſſion in eine Kirche ziehen zu laſſen, und blieb mit unbedecktem Haupte ſtehen, bis der letzte Wall⸗ fahrer in dem Portale verſchwunden war— eine Aufmerkſamkeit, die von den vielen Herumſtehenden höchlich gebilligt wurde, von denen nicht Wenige den Präſidenten von Anſehen kannten und wußten, daß er, wie ſeine ganze Familie, nicht das Glück habe, der allein ſelig⸗ machenden katholiſchen Kirche anzugehören.


