Zweiter Band. 5
die noch das Taſchentuch hielt, entgegenſtreckend;„Sie kommen gerade recht!“
„Das ſehe ich,“ erwiderte der Medicinalrath, die Hand der Gnädigen mit ſüßlicher Höflichkeit küſſend;„die Damen wollten ſich ja faſt ausſchütten vor Lachen! Sie haben ja ordentlich Thränen in den Augen! Was in aller Welt gab es denn ſo Komiſches? Nun, nun, ich will nicht indiskret ſein! Aber, Fräulein Aurelie, erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie mir verſprochen haben, um dieſe Stunde den ſchönen warmen Sonnenſchein im Garten zu genießen. Wir kommen hernach zu Ihnen hinab! Eilen Sie, liebes Fräulein, eilen Sie!“
Und der galante Herr warf Aurelien, die dem erhaltenen Wink zu folgen ſich beeilte, einige Kußhände zu, legte dann, als ſie zur Thür hinaus war, Hut und Stock ab und ſetzte ſich auf einen Fautenil in unmittelbarer Nähe der Präſidentin.
Der Regierungs⸗ und Medicinalrath Schnepper war ein kleiner, magerer Mann von ungefähr ſechszig Jahren mit einem glattraſirten Geſicht, das durch den lauernden Blick der kleinen grauen Aeuglein unter den etwas buſchigen Brauen und durch ſein ſarkaſtiſches Lächeln, welches fortwährend um die ſchmalen, eingefallenen Lippen ſpielte, nicht gerade verſchönt wurde. Die linke Schulter des kleinen Mannes war etwas höher als ſeine rechte, und vielleicht war dieſes körperliche Gebrechen mit die Veranlaſſung, weshalb ſich der alte Herr ſo ganz beſonders ſorgfältig kleidete
Der Medicinalrath Schnepper ſtrich die magern Beinchen und ſagte, aus einer goldenen Doſe eine kleine Priſe nehmend, und die grauen zwinkernden Aeuglein forſchend auf das verlegen lächelnde Geſicht der corpulenten Dame heftend:
„Was hat's denn gegeben, meine Gnädigſte? etwas von Be⸗ deutung?“
„Nicht doch, lieber Aurelie ſagt: ich zöge Ca⸗ milla vor und ſo etwas—
„Schmerzt, beſonders wenn es wh iſt; natürlich; aber Sie haben ganz recht: Camilla iſt ein Engelchen. Doch laſſen wir dieſe


