Erſter Band. 203
ſchließliche Frage direct zu bejahen oder zu verneinen. Zuerſt und vor Allem war es Eiferſucht geweſen gegen die Glückliche, der ſie nun das Herz, das ſie bis dahin ſo ganz beſeſſen, abtreten ſollte. Wie ſchmerzlich dieſer Gedanke für Margarethe ſein mußte, das konnte Niemand ermeſſen, denn Niemand wußte, wie tief unglücklich ſich die arme Frau in ihrer Ehe gefühlt, wie ſie ihr Glück, ihren Troſt, ihr Alles, Alles nur in dieſem einen heißgeliebten Sohn geſucht und ge⸗ funden hatte. Sie hatte ſeine Liebe in ſich geſogen, wie eine ſommer⸗ liche Pflanze, die in einer kalten dumpfigen Stube verkümmert, das Licht und die Wärme allzukurzer ſonniger Augenblicke gierig trinkt; nun ſollte auch das ihr genommen werden, das Letzte, Beſte, Einzige! genommen, ja!— Margarethe hatte immer, wo ſie geliebt, mit voller Seele, mit ganzem Herzen geliebt und Wolfgang war das Kind ihres Herzens. Daß er ein Mann war und Männerherzen anders fühlen als das halb gebrochene Herz einer vereinſamten, geknickten Frau— daran dachte Margarethe natürlich nicht.
Aber dieſe Eiferſucht war nur die erſte unwillkürliche Regung ihrer Seele, dem leiſen, ſchmerzlichen Klingen einer Harfe vergleich⸗ bar, an die man plötzlich unſanft gerührt hat. Dann überkam ſie die tiefgewurzelte, langgenährte, beinahe abergläubiſche Furcht vor jener Familie, mit der ſie gerade ſo gern in Verbindung getreten war, wie ein Lamm in den Käfig der Wölfe geht; vor jener ſtolzen, harten, grauſamen Familie, die ihren Gemahl den Kelch der Verachtung und Demüthigung bis auf den letzten bittern Tropfen hatte trinken laſſen, die durch dieſe ihre feindliche, abwehrende Haltung in ihren Augen mehr als alles Andere dazu beigetragen hatte, ihren Gatten von ihr zu entfremden; vor jener Familie, die ſie als die Verkörperung aller jener Eigenſchaften ihres Gatten anſah, mit denen ſie ſich ſchon im Anfang als junges, zärtlich liebendes Weib nie hatte befreunden kön⸗ nen, und die ihr, wie ſich dieſelben mit jedem Jahre detzlicher aus⸗ prägten, mit jedem Jahre unheimlicher geworden waren. Und aus dieſer Familie wollte ihr Sohn, ihr treuer, offener, geradſinniger, warmherziger Sohn das Weib ſeines Herzens nehmen! Thu's nicht, thu's nicht!— ſchrie eine Stimme in ihrem Herzen.
Und dann— mußte dieſe Verbindung nicht das ſchwache Band,


