Erſter Band. 201
veſſen knospender Buſen nun eben noch heiß und heißer an ſeinem Herzen geklopft hatte, reißt ſich aus ſeinen Armen, und verſchwindet in dem Dunkel des Parks, der ſich dann in den ſandigen Weg längs des Stromufers verwandelt, auf welchem der kreiſchende Wagen des alten Köbes ihn langſam, langſam— als wollte die Fahrt kein Ende nehmen— heim trägt, heim zu ſeiner lieben, kranken Mutter, deren warme Hand jetzt in ſeiner Hand— die ſich bei dieſem Gedanken feſter ſchließt— liegt. Dann ſitzt er vor dem Bett der Mutter, wie ſie jetzt vor ſeinem Bett ſitzt und aus dem Schatten der Krankenſtube tritt das Bild eines andern Mädchens hervor, eines Mädchens, das kaum weniger ſchön iſt, als jenes dort im Park von Rheinfelden, eines Mädchens, deſſen einfach⸗edle Erſcheinung ihn anmuthet, wie ein Lied aus der Jugendzeit— aus der Jugendzeit—
„Das iſt doch ſonderbar,“ ſagte Wolfgang, zur Mutter aufblickend.
„Was iſi's, mein Herz?“
„Mir iſt, als hätte ich Ottilien von jeher gekannt, als wäre Ottilie die Schweſter, die ich mir immer gewünſcht habe, wenn ich allein vor Deinem Bette ſpielte und die Sophakiſſen keine Rede und Antwort geben wollten.“
Margarethens Augen glänzten, während ſie ſich tiefer über den lieben Sohn beugte:
„Alſo auch Du haſt das Gefühl,“ ſagte ſie,„das mich nicht mehr verlaſſen hat, ſeitdem ich das herzige Kind geſehen? Mir iſt ſeitdem immer, als hätte ich nun zwei Kinder. Sie iſt auch geſtern mit Tante Bella hier geweſen und war ſo beſtürzt und ſo traurig, daß Du krank warſt— das gute Kind, als ob ſie nicht eigenen Kum⸗ mer genug hätte! Sie hat mich ſo lieb getröſtet:„Morgen komme ich wieder— hat ſie geſagt— und dann mache ich Dir den Wolf⸗ gang geſund, und wenn er geſund iſt, komme ich alle Tage, und ſitze mit Dir hier im Fenſter— wir waren in meiner Stube— hier iſt es ſo ſtill und kühl und die hohen Bäume da drüben über der alten Mauer, die hab' ich nun gar zu gern.“ Und die liebe ſanfte Stimme, mit der ſie das ſagt, das klingt ſo lieblich, wie ſanfter Schwalbengeſang.“
„Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit!“— ſagte Wolfgang träumeriſch vor ſich hin.


