198 Die von Hohenſtein.
grobe, in altfränkiſcher Weiſe zuſammengefaltete und mit wunderlich
ſteifen und geſchnörkelten Buchſtaben bemalte Papier ſagte ihm, daß
derſelbe aus Rheinfelden vom alten General ſei. Was wollte der
Alte? ſich nach dem Befinden ſeines Sohnes erkundigen, deſſen Krank⸗
heit er ihm geſtern Morgen gemeldet hatte? Das wäre eine große,
bedeutſame Aufmerkſamkeit— in dieſem Augenblick, wo die Gunſt des Alten von unberechenbarem Werthe war. Mit zitternden Händen erbrach er den Brief, und las: Lieber Neffe Arthur!
Die Nachricht von Deiner Frauen Geneſung freut mich ſehr, dahingegen ich mit déplaisir erfahre, daß Dein Sohn Wolf⸗ gang ſich krank gemeldet hat, was ich um ſo weniger goutire, als ich an dem Jungen Antheil nehme und ihn protegiren will. Darum ich auch geſtern ſchon an Deinen Bruder Guisbert ge⸗
. ſchrieben und ihm aufgegeben habe, den Wolfgang in ſeinem Regimente zu placiren, wie ich denn auch andererſeits eine Mariage zwiſchen Deinem Jungen und der jüngſten Tochter Deines Bruders Philipp ſouhaitire, da die Grasaffen hübſch und kräftig ſind und ihre Bälger der Familie Ehre machen werden, wasmaßen ich heute noch an Deinen Bruder Philipp ſchreiben und ihm ſagen werde, was ich intentire, worauf er wohl ohne Weigerung eingehen wird, ſintemalen er ein ſchlauer Fuchs iſt, der die ſauern von den ſüßen Trauben prächtig unterſcheiden kann.
Der ich bin
Dein wohlaffectionirter Onkel Eberhard von Hohenſtein auf Rheinfelden. Während der Stadtrath nicht ohne Mühe dieſe Zeilen entzifferte, theilte ſich das Zittern ſeiner Hände dem ganzen Körper mit; ſeine blaſſen Wangen rötheten ſich, ſeine matten, eingeſunkenen Augen be⸗ gannen zu glänzen... Rettung! Rettung in dieſer grimmen Noth!.. zum wenigſten Ausſicht, faſt gewiſſe Ausſicht auf Rettung!... Der arme Mann ſchwankte— den Brief in ſeinen Händen hal⸗ tend— nach einem Stuhl, und Thränen, die er ſeit ſeinen Kinder⸗ jahren nicht geweint hatte, brachen aus ſeinen Augen. In jener


