Erſter Band. 3 197
in ſeine Augen kommen. Sobald ihm die Sinne ſchwinden wollten, trat irgend ein Schreckbild vor ſeine Seele: der Advokat Kaltebolt, der ihm mit höhniſchem Lachen eine Handvoll Kaſſenſcheine hinhielt; der Oberbürgermeiſter Daſch, der die Augen verdrehte und die Arme zum Himmel ſtreckte— und er ſaß wieder wach in ſeinem Bette und horchte auf das Kniſtern eines Mäuschens hinter den Tapeten, auf das Ticken der Wanduhr auf dem Flur, auf das leiſe Kreiſchen des Wetterhahns auf dem Thurm der Kloſterkirche. Dann fiel es ihm ein, daß er ſeine Piſtolen ſeit geraumer Zeit nicht nachgeſehen habe und daß die Zündhütchen vielleicht feucht geworden ſeien. So ſtand er denn wieder auf, holte aus einem Schubfache ſeines Schreibtiſches das runde Schächtelchen und erſetzte die alten Zündhütchen durch ein paar neue. Die Gewißheit, ſich in jedem Augenblick das Leben nehmen zu kännen und den Verfolgern nur als Leichnam in die Hände zu fallen brachte ihm endlich gegen Morgen eine verhältnißmäßig größere Ruhe und mit der Ruhe den Schlaf. Als der Stadtrath erwachte, ging es bereits auf Mittag. Er fühlte ſich ſehr geſtärkt; auch empfand er das Bewußtſein ſeiner Schuld weniger lebhaft; er fing bereits an, ſich an dieſes Bewußtſein zu gewöhnen. Mit peinlichſter Sorgfalt machte er ſeine Toilette und verzehrte dann mit großem Appetit das Frühſtück, das ihm Urſel auf ſein Klingeln gebracht hatte, während er dabei die Zeitungen durchblätterte. „Haben der Herr Stadtrath den Brief gefunden, den ich geſtern Abend auf den Schreibtiſch gelegt?“ fragte Urſel, als ſie das Geſchirr abräumte. „Nein, es wird wohl nicht wichtig ſein.“ Der Stadtrath hatte das im gleichgültigſten Tone geſagt, aber er war bei dem Worte„Brief“ zuſammengezuckt, als hätte er auf eine Schlange getreten. Ein Brief iſt ein verhängnißvolles Ding für Jemanden, der kein reines Gewiſſen hat. Der Stadtrath hielt ſich die Zeitung dicht vor das Geſicht, bis Urſel aus der Thür war. Dann ſprang er auf, und ſchritt eilig und mit klopfendem Herzen nach ſeinem Schreibtiſch. Da lag der Brief,— ein Blick auf das


