Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Erſter Band. 195

keine angezündete Lampe, wie ſonſt, in ſein Zimmer ſtellen und er werde dann heraufkommen, um bei ſeinem Sohne zu wachen.

Er ging aus dem Hauſe und ſchlich in der ſchon dunkelnden Stadt herum, immer die einſamſten Gaſſen ſuchend, mehrere Stunden lang. Er hatte eigentlich vorgehabt, in das Weinhaus zu gehen, welches er zu beſuchen pflegte; aber er fühlte, daß er der Anſtrengung, unbefangen auszuſehen und zu plaudern, nicht mehr gewachſen ſei. Seine Kräfte waren faſt gänzlich erſchöpft; er ſchleppte ſich nur mit der größten Mühe weiter; in einer ärmlichen Vorſtadtkneipe ließ er ſich ein Glas Wein geben. Das erquickte ihn wieder etwas. Er war im Begriff, noch um ein Glas zu bitten, als er bemerkte, wie ein paar Männer in Blouſen, die in der Nähe an einem Tiſche ſaßen und aus Thonpfeifen dampften, auf ihn blickten und die Köpfe zu⸗ ſammenſteckten. Er gab der Kellnerin ein Stück Geld, das erſte, das ihm in die Hand kam, und entfernte ſich ſchleunig.

Wieder irrte er durch die ſchon einſamer gewordenen Straßen. Er kam an dem großen Dom vorüber; aus den hohen Fenſtern einer der Seitenkapellen dämmerte Licht; er hörte Orgelton und Geſang. Er blieb einen Augenblick ſtehen und dachte, welch' eine Erquickung es für ihn ſein würde, wenn er in einer der dunkelſten Ecke in das Ohr eines Menſchen, der zur Verſchwiegenheit durch einen theuren Eid verpflichtet iſt, das ſchreckliche Geheimniß beichten könnte, daß der Stadtrath Arthur von Hohenſtein, Sohn des Oberpräſidenten von Hohenſtein, früher Officier in der Armee, ein gemeiner Dieb ſei..

Sie haben es gut, dieſe Katholiken! und wenn ſie einen Mord begangen haben, ſie finden Jemand, dem ſie es ſagen können. Woher ſie nur das Vertrauen nehmen? ich könnte keinem Menſchen trauen, und wäre ſein Mund durch die heiligſten Eide verſiegelt; nur die Todten ſind verſchwiegen. Ich wollte, ich wäre todt.

Er ging weiter und unwillkürlich lenkten ſich ſeine Schritte nach dem Strom. Er ging auf die Brücke, bis er gleich weit von den beiden Ufern und den Lichtern, die ſich hüben und drüben im Waſſer ſpiegelten, entfernt war. Da lehnte er ſich auf die Brüſtung und ſchaute lange, lange hinab, wie die tiefen, dunklen Waſſer vorüber⸗ ſchoſſen, leiſe, leiſe, dann und wann nur in Wirbeln aufkochend,

13*