192 Die von Hohenſtein.
und eine Flaſche Wein zu bringen, auch der Frau Stadträthin nicht zu ſagen, daß er nach Hauſe gekommen ſei: er ſei ſehr angegriffen, könne nicht zu Mittag eſſen, ſondern müſſe einige Stunden ſchlafen; er ſei für Niemand zu Hauſe, für Niemand,„hören Sie, Urſel!“
Der Stadtrath legte ſich, in ſeinen Schlafrock gehüllt, auf das Sopha; aber der ſo ſehnlich herbeigewünſchte Schlaf wollte nicht kommen. Die folternde Angſt, daß ſein Verbrechen ſofort entdeckt werden könne, war durch die Ereigniſſe des Morgens erwas geringer geworden; aber er mußte ſich doch ſagen, daß aufgeſchoben nicht auf⸗ gehoben ſei. Und wie ſollte es nun weiter werden? Seine verhäng⸗ nißvolle That hatte nur der augenblicklichen Verlegenheit abgeholfen; die Zehntauſend waren durch ſeine Kaſſe, wie durch ein Sieb ge⸗ laufen; warum hatte er nicht zwanzig— nicht dreißig Tauſend ge⸗ nommen? es war ja doch nun Alles Eines und eine größere Summe hätte er leichter wieder zuſammengebracht als eine kleinere. Ueber die dumme Zaghaftigkeit! Doch das ließ ſich vielleicht nachholen, wenn er wirklich zur Verwaltung dieſer Kaſſe deſignirt werden ſollte, wozu ja jetzt die beſte Ausſicht war. Aber bis dahin, bis dahin— was beginnen? Wenn er ſich jetzt eine Blöße gab, ſo war Alles verloren; Heydtmann und Compagnie war düpirt, ſo mußten es auch die Andern werden. Beſonders Leute von dem Schlage des Herrn Kaltebolt.„Wie der Menſch mich in's Auge faßte!— und das höhniſche Lächeln!— als wüßte er ſchon Alles und wollte es nur nicht ſagen, um die Wonne zu haben, mich noch länger auf der Folter zu ſehen!— Ich muß Geld haben; aber woher es nehmen? woher?“
Der Stadtrath ließ alle Perſonen, an die er ſich möglicherweiſe wenden könnte, Revue paſſiren. Es waren wenig ſolide Leute darunter, meiſtens notoriſche Wucherer oder waghalſige Speculanten— einen Augenblick dachte er ſogar an ſeinen Schwager Peter. Aber das ging aus tauſend Gründen nicht. Wie konnte er Peter nach Allem, was zwiſchen ihnen vorgefallen war, unter die Augen treten? beſonders jetzt, wo er ſich mit ſolcher Entſchiedenheit gegen die demokratiſchen Beſtrebungen, denen Peter nicht ſeit geſtern huldigte, ausgeſprochen hatte? und dann wußte er ſehr wohl, daß Peters Verhältniſſe keines


