Erſter Band. 189
gemein der Anſicht, daß Pöbel Pöbel ſei und bleibe, und daß es ein Verrath am Vaterlande genannt werden müſſe, wollte man ſich jetzt auf Transactionen mit ſocialiſtiſchen Schwärmern und ihrem Anhang einlaſſen. Nur der Advokat Kaltebolt— ein zäher Kopf und ſpecieller Gegner des Stadtraths, in deſſen Verhältniſſe er gelegentlich nicht eben zur Achtung herausfordernde Einblicke gethan hatte— beharrte bei ſeiner Oppoſition. Er ſetzte in längerer Rede— wobei er ſich durch die Mißfallsbezeugungen ſeiner Collegen nicht anfechten ließ— ſeine Anſichten auseinander, daß man nur die Wahl habe zwiſchen offener, ehrlicher Anerkennung der Revolution in allen ihren Con⸗ ſequenzen, oder einer wüſten Reaction, welche die vormärzlichen Zu⸗ ſtände zurückführen und Deutſchland auf Jahrzehnte zum Kinderſpiel in Europa machen werde. Dann, mit den ſcharfen, brillebewaffneten Augen Herrn von Hohenſtein fixirend, rief er:„Und wer ſind ſie, die Ihnen einen ſo verderblichen Rath zu geben wagen? Männer, die aus Regionen ſtammen, in die noch nie ein Strahl wahrer Huma⸗ nität, wahrer Menſchenliebe gefallen iſt; die liberal geweſen ſind, ſo lange mit dem Liberalismus Geſchäfte zu machen waren und die mit dem Liberalismus Geſchäfte gemacht haben,— ſehr gute Geſchäfte, meine Herren! und in dem Augenblicke, wo die Changen weniger gut ſind, ſich nicht mehr beſinnen können, daß ſie jemals liberal waren, daß ſie ſich jemals mit dem Volke liirt haben, ja noch bis auf dieſen Augenblick durch Bande, die ſonſt für ſehr heilig geachtet werden, mit dem Volke verbunden ſind.“
„Wenn dieſe Inſinuationen auf mich gehen ſollen—“ rief Herr von Hohenſtein, aus dem Seſſel auffahrend.
„Qui se sent morveux, qu'il se moüche!“ meinte Herr Kaltebolt.
„Pfui, pfui!“ rief der Stadtrath Heydtmann und Copagnie.
„Es iſt unverantwortlich! man darf es nicht dulden!— das hat er wahrlich nicht um uns verdient!“— ſo tönten die Stimmen der Väter durcheinander.
„Herr von Hohenſtein hat das Wort!“ rief der Oberbürger⸗ meiſter, der ſchon ſeit einer Minute mit dem kleinen ſilbernen Glöck⸗ chen, das vor ihm auf dem Seſſionstiſche ſtand, geläutet hatte.
„Ich habe nur wenig zu erwidern, meine Herren;“ begann Herr


