Erſter Band. 181
Er ging leiſe die Treppe hinauf, lauſchte auf dem Flur des erſten Stockes an der Thür der Schlafſtube ſeiner Mutter— es war Alles ſtill. Er ging in das zweite Stock, wo in dem Giebel ſein Zimmer war, vas er als Knabe ſchon bewohnt hatte, und das er bei ſeinen Beſuchen immer wieder bezog. Er entkleidete ſich langſam, denn ſeine Hände verſagten ihm faſt den Dienſt, und er hatte kaum das Licht ausgelöſcht, als bleiſchwerer, von ängſtlichen Träumen ge⸗ quälter Schlaf auf ſeine von den bunten Wechſelfällen des Tages ermattete Seele ſank.
Jwanzigſtes Capitel.
Aber wie ängſtlich auch Wolfgangs Träume ſein mochten— angſtvoller und ſchrecklicher waren die Gedanken, welche in dieſer Nacht, wie die Spukgeſtalten in einem Hexentanz, durch den wachen Geiſt des unglücklichen Mannes wirbelten, der heute den letzten Reſt ſeiner Ehre auf eine Karte geſetzt hatte und jeden Augenblick das Spiel zu verlieren fürchten mußte. Der leiſeſte Laut, der ſich im Hauſe regte, machte ihn zuſammenfahren; das Ticken der alten Wand⸗ uhr auf dem Vorplatze, an das er ſeit zwanzig Jahren gewöhnt war, quälte ihn ſo, daß er auf den Zehen hinſchlich und das Pendel zum Stehen brachte; und als er ſich wieder in ſein Zimmer eingeſchloſſen hatte, war es ſo ſtill, ſo ſtill und das Blut in ſeinen Ohren klang und ſauſte ſo laut, ſo laut— und da ſchlich er zum zweiten Mal hinaus und ſetzte das Uhrwerk wieder in Bewegung. Dann krächzte drüben in der alten Kloſtermauer ein Käuzchen und hörte nicht auf zu krächzen und zu kreiſchen, bis andere Käuzchen einſtimmten und ganz deutlich riefen:„Hier, hier, hier iſt der Dieb! hier, hier!“— Es war zum Wahnſinnig-werden!
Und nun kein Licht brennen dürfen! im Dunkeln, den ſchmerzen⸗ den Kopf in die Hände geſtützt, ſitzen oder leiſe auf dem Teppich des Fußbodens umherſchleichen und beobachten müſſen, wie die ſchmalen


