Erſter Band. 177
„Rege Dich nicht zu ſehr auf, lieb Mütterchen!“ flüſterte Wolf⸗ gang;„ich bleibe bei Dir, lege Dich wieder ordentlich hin, ſo, ſo!“
„O, ich fühle mich ganz kräftig,“ ſagte Margarethe,„ganz kräftig!“ und dabei ſank ihr Haupt matt auf das Kiſſen zurück;„ſie haben mich ja ſo ſchön gepflegt, Bella und die liebe Kleine. Wo iſt denn Ottilie?“
„Riefſt Du mich, liebe Tante?“ ſagte das junge Mädchen, einen Schritt nach dem Bett zu machend und dann wieder ſchüchtern ſtehen bleibend, weil Wolfgang ſich in dieſem Augenblicke aus den Armen der Mutter aufrichtete und ſie ſo groß und forſchend anblickte.
„Ja, mein Kind,“ ſagte Margareth;„komm her! ich muß Dir doch meinen Wolfgang zeigen. Das iſt Ottilie, Wolfgang!“
Ottilie trat raſch an das Bett und beugte ſich über die Kranke, eine brennende Röthe, die ihr plötzlich, ſie wußte ſelbſt nicht weß⸗ halb? in die Wangen ſchoß, zu verbergen.
„Liebes, herziges Mädchen!“ ſagte Margarethe, ſie auf die Stirn küſſend;„er wird Dich auch recht lieb haben, wie wir Alle; nicht wahr, Wolfgang?“
„Gewiß, das werde ich!“ fagte Wolfgang, Ottilien, die ſich jetzt zu ihm wandte, die Hand entgegenſtreckend.
Das junge Mädchen wollte etwas erwidern; aber ihre Lippen zuckten nur, als ſie ihre Hand langſam, faſt zögernd in Wolfgangs Hand legte.
k So ſtanden ſie und ſahen ſich jetzt zum erſten Mal voll in's Antlitz.
„Das werde ich;“ wiederholte Wolfgang, und diesmal ſagte er's mit inniger Ueberzeugung.„Mir iſt's, als hätte ich Dich ſchon längſt gekannt, Ottilie!“ ſetzte er nach einer kleinen Weile hinzu, während er ihre Hand noch immer in der ſeinen hielt.
„Und ſo geht mir's mit Dir;“ erwiderte Ottilie.
Margarethe's Augen hatten mit unausſprechlicher Zärtlichkeit auf den beiden hohen Geſtalten geruht.
„Nun habe ich zwei Kinder;“ ſagte ſie ganz leiſe. Sie faltete die Hände über der Bruſt und ſchloß die Augen.
„Ich werde wieder müde,“ ſagte ſie;„geht Ihr nach Haus,
Fr. Spielhagen's Werke. vII. 12


