176* Die von Hohenſtein.
„Ich werde doch nicht ſo thöricht ſein,“ erwiderte Tante Bella mit beleidigter Würde;„denkſt Du denn, daß ich ein Kind bin?— Hörſt Du? die Mutter lacht; ſie iſt ganz munter aufgewacht; ich wußte es ja. Ottilie iſt ein Engel, ich bin nur begierig, zu hören, was Du von der Kleinen ſagen wirſt! Das wäre ſo eine Frau für Dich!“
Tante Bella ſtand auf und verſchwand in dem Nebenzimmer. Wolfgang ging in großer Erregung auf und ab, die Unterredung mit der Tante hatte ihn ſonderbar berührt; er hatte ſchon manchmal mit der guten Dame ganz ähnliche Geſpräche gehabt; aber heute ſchienen ihm die alten, ſchon ſo oft durchſprochenen und beklagten Verhältniſſe in einem ganz neuen Licht.
Die paar Secunden, die er allein zubringen mußte, däuchten ihm eine Ewigkeit. Er hörte Tante Bella ſprechen und dann ſeine Mutter, und dann eine Stimme, die er nicht kannte, eine ſanfte, melodiſche Stimme..
Die Thür wurde geöffnet.
„Willſt Du hereinkommen, Wolfgang; die Mutter befindet ſich ganz wohl.“
Wolfgang trat in das Zimmer, in welchem ihn das häufige Krankſein der Mutter ſo heimiſch gemacht, in welchem er an ihrem Bette, zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebend, ſo viele lange, bange Stunden zugebracht hatte. Da lag, in dem Schatten des Vorhangs, der in reichlichen Falten herniederfloß, ſeine Mutter, bleich und ange⸗ griffen, aber mit lächelndem Munde und lächelnden Augen ihn be⸗ grüßend, und vor dem Bett, überſtrömt von dem milden Licht der Lampe, die zu Häupten des Bettes auf einem Tiſche ſtand, ſaß ein junges Mädchen, das, als er auf das Bett zuſchritt, ſich erhob und zu Tante Bella trat, die an dem Tiſch einen kühlenden Trank bereitete.
„Biſt Du da, mein Wolfgang?“ ſagte die Mutter;„ach, wie habe ich mich nach Dir geſehnt! verzeihe, daß ich Dir ſo viel Angſt verurſacht habe; aber ich mußte Dich wieder ſehen; ich konnte nicht anders;“ und ſie ſchlang ihre kraftloſen Arme um den Hals des lieben Sohnes, der ſich in tiefſter Rührung über ſie beugte, und küßte ihn zärtlich, wie nur eine Mutter küſſen kann.


