174 Die von Hohenſtein.
der Mutter ſein könnteſt. Hätte ich das gewußt, ich würde mich viel weniger geängſtigt haben.“
„Ja, wie hätteſt Du das auch denken können;“ ſagte Tante Bella; „ich komme ja, Gott ſei's geklagt, ſelten genug zu Euch. Aber ich hatte alle dieſe Tage eine Ahnung, daß irgend Einem aus der Familie etwas paſſiren würde. Seit mein armer Bruder Eugen geſtorben iſt, bin ich aus der Angſt nicht herausgekommen.“
„Iſt Onkel Eugen todt?“
„St! ſprich leiſer, daß ſie nebenan nichts hören!“
Tante Bella zog einen Stuhl dicht zu Wolfgang an den Tiſch und flüſterte:
„Ja, er iſt todt, Dein lieber, guter Onkel. Du haſt ihn kaum gekannt, und weißt nicht, was für ein braver, treuer Menſch er war. Seit acht Tagen ſchon iſt er todt; ach! und wie ſchrecklich er geſtorben iſt! von ſeinen eigenen Maſchinen gerädert!— ich darf gar nicht daran denken. Dein Onkel Peter war hin, die arme Ottilie zu holen; ſie iſt nebenan bei Deiner Mutter; Deine Mutter ſagt, Ottiliens Hand ſei gerade wie Deine, und Ottilie hat ihre Hand auf ihre Stirn legen müſſen und ſo ſchläft ſie ſchon ſeit einer halben Stunde ſo ſanft wie ein Kind. Es iſt ein wahres Glück, daß ich das liebe Mädchen nicht zu Haus gelaſſen habe, wie ich anfangs wollte, denn ſie war kaum aus dem Wagen geſtiegen, als eure Urſel kam. Gott! iſt das ein dummes, albernes Ding! Wie kann Deine Mutter— na! das geht mich ja ſchließlich nichts an. Ich fragte ſie, warum ſie nicht gleich zu mir gekommen wäre, anſtatt in der ganzen Stadt nach Deinem Vater herumzulaufen, der heute Morgen ausgegangen und nicht wieder nach Haus gekommen iſt, und was glaubſt Du, daß ſie antwortete? ſie hätte gedacht: ich könnte Deine Mutter nicht leiden, weil ich mich ſo ſelten bei Euch ſehen ließe! Das hat man davon, wenn die, welche der liebe Gott vereinigt hat, ſich muthwillig aus dummen Stolz und Hochmuth und alberner Rechthaberei trennen. Aber ich denke, das ſoll jetzt anders werden. Deine Mutter hat die Kleine ſchon ſo lieb gewonnen! Da wird ſie das Kind wohl öfter ſehen wollen, und dann komme ich bei der Gelegenheit mit, wenn man ſich auch aus mir nicht viel macht; ich bin überall das fünfte Rad am Wagen—“


