Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Band. 173

Neunzehntes Capitel.

Da wurde die Thür geöffnet und eine Dame, die eine Lampe in der Hand trug, ſtand vor Wolfgang. Es war Tante Bella. Ein jäher Schrecken durchzuckte den jungen Mann bei dem Anblick der Tante, die, ſo lange er denken konnte, drei oder viermal und das immer nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten den Fuß über die Schwelle ſeines elterlichen Hauſes geſetzt hatte. So war alſo doch das Fürchterliche eingetroffen: die Mutter war dem Tode nahe, vielleicht todt! Aber die gute Tante ließ ihm nicht Zeit, den entſetz⸗ lichen Gedanken auszudenken;„es geht beſſer, viel beſſer;“ flüſterte ſie ſchnell;„komm herein, armer Junge, Du haſt Dich gewiß recht geängſtigt.“

Bei dieſen Worten hatte ſie den vor Entſetzen Regungsloſen bei der Hand ergriffen und in's Zimmer geführt.

„Wo iſt die Mutter?“ fragte Wolfgang.

„Nebenan, ſie ſchläft;“ erwiderte Tante Bella, die Lampe auf den Tiſch ſtellend;„ängſtige Dich nur nicht; es geht wirklich gut, ganz gut.“

Wolfgang hatte ſich in einen Stuhl geſetzt, denn ſeine Knie zitter⸗ ten. Die köſtliche Gewißheit, daß die Mutter außer Gefahr ſei, löſte den Krampf, mit welchem Angſt und Schrecken ſein Herz zuſammen⸗ geſchnürt hatten und die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen.

Jemand, den ſie lieb hatte, weinen ſehen, ohne mitzuweinen, war für Tante Bella eine Unmöglichkeit. Sie ſtreichelte Wolfgang ſanft das volle Haar aus der Stirn und ſagte ſchluchzend:

„Armer, armer Junge! ja, ja ich glaub's! Du magſt was aus⸗ geſtanden haben! Aber nun laß es gut ſein! Der Doctor ſagt: es habe gar nichts zu bedeuten, und ich ſage es auch. Ich kenne dieſe Zuſtände ganz genau; wenn Einer d'ran ſterben könnte, ich wäre ſchon lange todt.“

„Gute, liebe Tante,“ ſagte Wolfgang,„wie danke ich Dir, daß Du hergekommen biſt! ich habe gar nicht daran gedacht, daß Du bei