Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
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172 Die von Hohenſtein.

zu vernehmen. Dann wieder ſah er ſeine Mutter von Schmerzen ge⸗ foltert, im Bette liegen; dann ſtreckte der alte General mit heiſerem Lachen ſeinen kahlen Kopf dazwiſchen und dann lehnte ſich Camilla unter Koſen und Küſſen an ſeine Bruſt und riß ſich jäh aus ſeinen Armen, als vom Schloſſe her ſein Name gerufen wurde.

Wolfgang fuhr empor. Er mußte vor Ermattung eingeſchlafen ſein, denn, ohne daß er wußte, wie er ſo ſchnell dahingekommen, raſſelte der Wagen eben über die Zugbrücke und hielt vor der Wache.

„Kann paſſiren;“ hörte Wolfgang eine quäkende Stimme ſagen; es war ihm, als ob er für einen Augenblick das Geſicht ſeines Vetters Kund geſehen habe; es mochte aber auch eine Täuſchung ſein. Der Wagen donnerte durch das dunkle Thor, deſſen mächtige Flügel ein mit den Schlüſſeln klappernder Unterofficier auseinanderſchlug, in die engen mondbeſchienenen Straßen hinein. Die lichterhellten Fenſter tanzten an ihm vorüber, lärmende Menſchen drängten ſich in wirren Haufen, und ſtoben auseinander, wenn eine Patrouille im Geſchwind⸗ ſchritt anmarſchirt kam. Und nun eine ſtillere Straße— die Straße, in der die Wohnung ſeiner Eltern lag. Der Materialladen des Nach⸗ bars, in deſſen Thür der Beſitzer, mit ſeinen zwei Lehrlingen und dem Dienſtmädchen neugierig⸗ängſtlich nach dem„Cravall“ ausſchauten und da hielt der Wagen vor dem großen, dunklen Hauſe. Wolfgang blickte empor. Nur zwei Fenſter im oberen Stock waren matt erhellt; es waren die Fenſter des Wohnzimmers, aus dem man in das ſeiner Mutter gelangte. Mit einem Satz war er aus dem Wagen. Die Hausthür war nicht verſchloſſen. Auf dem Flur brannte die Lampe in der Glasglocke, die von der Decke herabhing; er erſtieg eilends die breite, ſtille Treppe und ſtand, tief Athem ſchöpfend, vor der Thür des Wohnzimmers. Sein Herz klopfte zum Zerſpringen; was lag nicht Alles für ihn hinter dem dünnen undurchdringlichen Schleier des nächſten Augenblicks? Leben und Tod!