Erſter Band. 169
erführe? ſeine Mutter! aber wenn ſie wirklich ſo krank wäre, wenn ſie ſterben ſollte— wohin wäre dann Freude und Glück? was wäre da noch hold und ſchön auf dieſer Welt?..
Wolfgang fuhr aus dem Traume, der ſeine von ſo vielen und ſo mächtigen Eindrücken ermattete Seele gefangen gehalten hatte, jäh empor. Ganz wie vorhin ſchleppten die müden Gäule den Wagen langſam im tiefen Sande fort: ganz wie vorhin glitzerten die Waſſer des Stroms zu ſeiner Rechten in den Strahlen des Mondes; ganz wie vorhin ſaß der ſchweigſame Köbes in der Ecke ſeines Sitzes vor⸗ übergebeugt, ſtumm und unbeweglich, wie ein Todter.
„Wie weit ſind wir, Köbes?“ fragte Wolfgang.
„Halbwegs;“ brummte Köbes, ohne ſich aus ſeiner Stellung zu rühren.
„Da haben wir ja noch eine halbe Stunde, bis wir auf der Chauſſee ſind!“ rief Wolfgang ungeduldig;„wie kommen ja auch gar nicht aus der Stelle.“
Köbes pfiff ein paar langgezogene Töne. Bei jeder andern Gelegenheit würde das ſeine ganze Antwort auf den Vorwurf eines ungeduldigen Paſſagiers geweſen ſein; des armen Wolfgang Seelen⸗ zuſtand ſchien ihm indeſſen eine beſondere Berückſichtigung zu verdienen. So brummte er denn, den Kopf ein ganz klein wenig herumwendend: „Sand iſt Sand.“
„Ohne Frage, lieber Köbes;“ ſagte Wolfgang, der des Mannes wunderliche Ausdrucksweiſe von Jugend auf kannte;„ich wollte auch nurbſagen, daß Sie ſo ſchnell fahren möchten, wie es irgend geht.“
Köbes pfiff die erſten Tacte von:„Ich hatt' einen Kameraden,“ was heißen ſollte:„ich weiß ſchon, was ich zu thun habe und an mir ſoll es nicht fehlen;“ und brach dann plötzlich ab, als hätte er ſeine Meinung deutlich genug ausgeſprochen.
Wolfgang konnte das öde Schweigen, das ſeine aufgeregten Nerven peinigte, nicht lange ertragen.
„Köbes,“ ſagte er,„haben Sie meine Mutter in den letzten Tagen manchmal geſehen?“
„Ob!“ ſagte Köbes.
„Und ſie ſah wohl aus?“


