Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

168 Die von Hohenſtein.

wenn ſie von jenen verſucht werden ſollte, mit höflicher Kälte zurück⸗ zuweiſen? Hatte er ſich nicht in den häufigen Zuſammenkünften mit ſeinem Großonkel geradezu bemüht, den alten choleriſchen Mann, deſſen originelle Denkweiſe und ſonderbar veraltete Rede ihm eine Art von hiſtoriſchem Intereſſe einflößten, für ſich ſelbſt, für den Vater und die Mutter günſtig und günſtiger zu ſtimmen? Hatte er ſich nicht ſehr gefreut, als ihm das offenbar gelang? als er zu bemerken glaubte, daß dieſer menſchenverachtende, ehniſche Sonderling in ſeiner Geſellſchaft milder, weicher, menſchlicher wurde? Hatte er ſich nicht förmlich für den Gedanken begeiſtert, den greiſen Egoiſten am Rande des Grabes zur Religion der Humanität zu bekehren? Und hatte er

es ſich etwa weniger angelegen ſein laſſen, die Gunſt ſeiner Tante

zu erwerben? hatte er ihren ſentimentalen Plattheiten nicht ein williges Ohr geliehen? war er auf ihr geiſtloſes Geſchwätz nicht immer mit großer Bereitwilligkeit eingegangen? hatte er ihr nicht dankbar die Hand geküßt, als ſie eines Nachmittags auf einem Spaziergange im Park ſagte: es thue ihr ſo leid, ſo ſehr leid, daß ſie ſeine ſchöne ſanfte Mutter ſo ſpät erſt kennen gelernt habe; jetzt aber wolle ſie verſuchen, das Verſäumte ſo viel als möglich nachzuholen, eine Freundin wie dieſe habe ihr immer gefehlt?— Und nun endlich! hatte Camilla nicht die letzte Wolke des Unmuths von ſeiner Stirn weg gelächelt? die bittern Worte, die er ſtets für ſeine Verwandten gehabt, für immer und immer von ſeiner Lippe weggeküßt! Camilla! Camilla! ja! er hatte die Linie, die bis dahin ſein Leben umſchloſſen hielt, paſſirt und andere ſchönere Sterne leuchteten ihm jetzt. Was hatte er bis vor wenigen Tagen, ja vor wenigen Stunden von Glück und Luſt, von allem Schönſten, was das Menſchenherz entzücken kann, gewußt? nicht mehr, als ein Nordländer von der zauberiſchen Pracht, mit welcher die Sonne des Südens Himmel, Meer und Erde ſchmückt! Nein, es kann nicht die Beſtimmung des Menſchen ſein, in grübleri⸗ ſchem Trübſinn das Leben zu vertrauern, wie der hochherzige un⸗ glückliche Münzer, oder der wunderliche Heilige in ſeinem melancholi⸗ ſchen Thurm. Es muß eine Menſchenliebe geben, die auch von Freude weiß; eine Freiheitsliebe, die ſich vor dem Holden, dem Schönen nicht bekreuzigt. Was würde ſeine Mutter ſagen, wenn ſie Alles