Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Bund. 167

ihm die Kreiſe wieder erſchloſſen werden ſollten, an welche die Erin⸗ nerungen ſeiner jungen Jahre ihn nun einmal feſſelten,— Wolfgang konute ſich nicht mitfreuen, indeſſen er konnte dieſe Neigung wenigſtens verſtehen. Aber daß der Vater neugierig war, zu wiſſen, wie lange der alte General wohl noch leben könne, daß der Vater ſich mit ſcheinbar nicht geringer Genugthuung erinnerte, wie der General ſchon vor zwanzig Jahren an einem von den Aerzten für unheilbar erklärten Halsübel und an Gicht und Rheumatismus dazu gelitten hatte, daß der Vater ganz unumwunden ausſprach: der alte Mann könne es„auf keinen Fall lange mehr treiben“— das konnte der hochſinnige Wolfgang mit ſeinen Begriffen von Menſchenwürde nicht vereinen. Die ganze Reiſe nach Rheinfelden kam ihm wie eine Art von Raubzug vor, wie eine offenbare, ſchamloſe Erbſchleicherei, und er wäre derſelben gern überhoben geweſen, umſomehr, als er ſich das Zuſammentreffen mit ſeinen Verwandten nur als ein Ereigniß denken konnte, das für ihn ſelbſt und für die arme Mutter außerordentlich peinlich ſein würde. Ging er doch an ſeinen Onkeln und Tanten auf der Straße vorüber, ohne von ihnen beachtet zu werden, vielleicht ohne von ihnen gekannt zu ſein; thaten doch ſelbſt ſeine Vettern, der Lieutenant Kuno und der Fähndrich Odo, die mit ihm auf derſelben Schule, wenn auch nicht in derſelben Klaſſe, geweſen waren, als ob ſie von ſeiner Exiſtenz nicht die entfernteſte Ahnung hätten! Wäre eine Möglichkeit geweſen, der Reiſe nach Rheinfelden zu entgehen, Wolfgang würde dieſe Möglichkeit mit Freuden ergriffen haben, und wer weiß, ob er dem Befehl des Vaters nicht ſchließlich eine ent⸗ ſchiedene Weigerung entgegengeſetzt hätte, wenn die Mutter nicht ge⸗ weſen wäre, ſeine liebe, gute Mutter, die dem Wunſche des Vaters ſo entſagungsfreudig, ſo hingebend entgegenkam.

Das war vor kaum acht Tagen geweſen und heute ſchien dem jungen Mann eine Ewigkeit zwiſchen jetzt und damals zu liegen. Was hatte er nicht Alles ſeitdem erlebt! äußerlich ſo wenig, und doch welche Veränderungen waren ſeitdem in ihm vorgegangen! Wo war der Widerwille geblieben, mit welchem ihn ſonſt der bloße Gedanke einer Annäherung an ſeine hochmüthigen Verwandten erfüllt hatte? was war aus ſeinem Entſchluß geworden, dieſe Annäherung, ſelbſt