Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
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44 Die von Hohenſtein.

wenig Gelegenheit gehabt, etwas Ordentliches zu lernen, denn was man auf dem Seminar lernt, du lieber Himmel! das iſt wenig genug und das Wenige iſt auch meiſtens nur dummes Zeug.“

Balthaſar hielt erſchrocken inne und ſah bittend zu ſeinem Be⸗ gleiter empor.

„Es fuhr mir nur ſo heraus,“ ſagte er.„Sie nehmen's nicht für ungut, nicht wahr?“

„O, keineswegs!“ erwiderte Wolfgang lächelnd;„im Gegentheil, ich glaube, daß Sie nur zu ſehr Recht haben. Sie ſind alſo der Ariſtoteles der Dorfjugend?“

„Ariſtoteles der Dorfjugend,“ ſagte Balthaſar;„das iſt hübſch geſagt! O, ich weiß ganz gut, wer Ariſtoteles geweſen iſt! ein großer“ heidniſcher Philoſoph, der den König Alexander von Macedonien unterrichtete. Sein Name kommt oft in Leſſing's Schriften vor. Lieben Sie Leſſing auch?“

„Gewiß, er gehört zu den großen Geiſtern unſerer Nation, die ich am meiſten verehre.“

„Nicht wahr?“ rief Balthaſar in freudiger Erregung.„Das iſt ein Mann! wie der ſchreibt! ſo klar, daß man gleich bis auf den Grund ſehen kann und ſo tief, daß es manchmal gar nicht zu er⸗ meſſen iſt. Kennen Sie ſeinen Nathan? Darin kommt eine wunder⸗ ſchöne Stelle vor, die ich mir alle Mal herſage, wenn ich fühle, daß mein Herz verſtockt iſt, und nicht mehr warm für die Menſchenbrüder ſchlagen will!

„Wohlan! Es eifre jeder ſeiner unbeſtochnen Von Vorurtheilen freien Liebe nach!“

Ich habe ſchon zwanzig Jahre über dieſe Stelle gegrübelt und habe gefunden, daß ſie Alles ſagt, was der Menſch, inſofern er ein Menſch unter Menſchen iſt, ja auch allen andern Weſen gegenüber, zu thun hat. Wenn die Menſchen dies Wort begriffen und übten, dann brauchten wir keine Polizei und keine Landgensd'armen, keine Gefängniſſe und keine Armenhäuſer; ja, lieber junger Herr, dann gäb' es eine Freiheit, die nicht das Schwert in der einen Hand zu halten