Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
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38 Die von Hohenſtein.

entſetzlich mit den ſcharfen Federn in den Schreibbüchern kritzeln, und er blickt unterdeſſen nach der hohen gewölbten Decke, wo der Wider⸗ ſchein der Sonne in dem Glaſe Waſſer des Herrn Lehrers auf dem Katheder in goldenen Ringen und Streifen tanzt, und plötzlich faßt eine grobe Hand an ſein Ohr und eine grobe Stimme ruft:„Iſt das ein A, iſt das ein B, verflixter Bube?“— Und zwiſchen all den großen Freuden und kleinen Leiden ſeiner Kinder⸗ und Knabenjahre ſieht er immer ein ſchönes, liebes, blaſſes Geſicht; und je älter und verſtändiger er wird, deſto öfter ſieht er es und deſto ſchöner und lieber erſcheint es ihm. Er ſieht es ſich über ihu beugen, wenn er krank im Bette liegt; er ſieht es über ſeine Schulter auf ſeine Schul⸗ arbeit blicken; er ſieht es holdſelig lächeln, wenn er von all den Heldenthaten phantaſirt, die er im Leben noch auszuführen gedenkt; er ſieht es von Thränen überfloſſen, wenn er in wilder knabenhafter Heftigkeit die beſte, gütigſte der Mütter erſchreckt hat. Doch das kommt ſelten vor, denn der Knabe liebt ſeine Mutter, ja er betet ſie an. Sie iſt ihm der Inbegriff von Allem, was ſchön und gut auf Erden iſt; mit ihr zu leben, ihr Alles mitzutheilen, was ſein junges, volles Herz bewegt, iſt ihm unabweisliches Bedürfniß, um ſo mehr, als er niemals weder Brüder noch Schweſtern gehabt hat, denen er von ſeiner Liebe hätte abgeben müſſen. Die Mutter iſt ſeine beſte, ſeine einzige Vertraute, und es kommt bald die Zeit, wo er auch der Vertraute der Mutter iſt. Die Mutter iſt oft krank, und da ſitzt er dann, während ſeine Kameraden vor den Fenſtern ihrer Schönen Parade machen, oder in Winkelkneipen bei einem verſtohlenen Kruge Wein dem ſtrengen Verbote der Schule Trotz bieten, ſtundenlang an ihrem Bett und hält die ſchmale weiße Hand in der ſeinen oder legt ſeine Hand auf die brennenden Schläfe der von Schmerzen Gepeinig⸗ ten, und iſt glücklich, wenn ihre leiſeren, ruhigeren Athemzüge die

magnetiſche Wirkung, welche die Mutter in dieſer Berührung gefunden

haben will, zu bewahrheiten ſcheinen. In ſchmerzensfreien Stunden kommt die Mutter oft auf ihre Verhältniſſe zu ſprechen. Sie be⸗ dauert den Vater, den ſie durch die Heirath mit ihr, dem armen Bürgetmädchen, um die glänzende Zukunft betrogen habe, die ihm,

dem Officier, durch ſeine adlige Geburt, ſeine vornehme Verwandt⸗