20 Die von Hohenſtein.
der Kleinen den Eſſig gegeben, und als dieſe ſich dankend entfernen wollte, und dabei wie einer Ohnmacht nahe, geſchwankt hatte, etwas einer menſchlichen Rührung ähnliches verſpürt, ja die Mildherzigkeit ſo weit getrieben, die Waſchung der ſchönen Stirn eigenhändig zu vollziehen. Aber kaum hatten ihre harten, ſpitzen Finger das volle Haar aus den Schläfen geſtrichen, als ein Paar ſchmachtende Augen ſich zu ihr erhoben, ein paar weiche Händchen ihre Knochenhände er⸗ faßten und eine liebliche Stimme flüſterte:„Ach, wie wohl das thut! Was Sie doch für eine gute, liebe Frau ſind!“
Frau Brigitte ſtutzte. Schlau, argwöhniſch und ſchlecht, wie ſie war, klang das ihr geſpendete Lob gar zu ſeltſam in ihren keines⸗ wegs verwöhnten Ohren. Sie warf einen ihrer ſchielenden Blicke auf das junge Mädchen und ſagte in ihrer kalten, trockenen Weiſe:
„Umſonſt iſt der Tod. Wo ſoll's denn hinaus?“
„Wie meinen Sie, liebe Madame?“ ſagte das junge Mädchen mit trefflich geſpielter Unbefangenheit.
„Warum iſt denn das Fräulein gar ſo gnädig?“ ſagte Brigitte höhniſch.„Denken Sie denn, daß ich ſo dumm bin, und all' die ſchönen Sachen glaube, die mir die Herrſchaften aus der Stadt ſagen? Denken Sie denn, daß ich nicht weiß, Ihr würdet mich Alle, wie Ihr da ſeid, wie einen Hund behandeln, wie einen räudigen Hund, wenn ich nicht zufällig bei dem da—“ ſie deutete auf eine Thür, die aus dem Zimmer in die inneren Gemächer führte,—„ſo viel gälte?“
„Aber liebe, beſte ge Madame, wer wird auch ſo argwöh⸗ niſch ſein!“ rief das fünge Mädchen, ihre Stimme, wie in großer Entrüſtung, erhebend.„Ich gebe zu, daß nicht alles Schmeichelhafte, das Ihnen geſagt wird, ehrlich gemeint iſt; aber ich habe Ihnen doch nie Grund zu einem ſolchen Verdachte gegeben. Ich verſichere Sie, daß ich wenigſtens es von Herzen gut mit Ihnen meine; ja wahr⸗ haftig, von Herzen gut.“
„St, ſt!“ murrte Brigitte, und ſchielte dabei gräulicher als je; „was ſoll das Geſchrei! Ich glaube gar, Sie wollen—“
Frau Brigitte hatte nicht Zeit, zu ſagen, was ſie glaube, daß die junge Dame im Schilde führe, denn plötzlich ertönte nebenan die heiſere, hohle Stimme des Generals:


