12 Die von Hohenſtein.
die erſte, welche ſich zum Unvermeidlichen entſchloß. Sie eilte„Ma⸗ dame“ entgegen, faßte ſie, ſo wie ſie den Fuß von der Treppe auf den Flur ſetzte, bei beiden Händen und rief:„Die gute, liebe Ma⸗ dame! Wie geht's? Nein, wie prächtig Sie ausſehen! Wahrhaftig, Sie werden mit jedem Jahre jünger.“
„Das iſt mehr, als man von den meiſten Leuten ſagen kann,“ erwiderte Dame Brigitte trocken.
Aber die Obriſtin ließ ſich ſo leicht nicht zurückſchrecken.„Und wie geht es der lieben Excellenz? Noch nicht auf, wie ich höre? Laſſen Sie ihn ja ſchlafen, den guten alten Herrn! Beſſer, daß wir eine Stunde länger warten, als daß er um ſeine Ruhe kommt!“
„Excellenz haben heute Nacht ſehr ſchlecht geſchlafen und dürfen vor vier Uhr Nachmittags nicht aufſtehen,“ ſagte Brigitte, nachdem ſie auch die Huldigungen der Präſidentin und ihrer Töchter mit der⸗ ſelben beleidigenden Gleichgültigkeit entgegengenommen.„Die jungen Herren promeniren wohl etwas im Garten, während ich die Damen auf ihre Zimmer bringe; in einer Stunde wird im kleinen Saal das Frühſtück ſervirt.“
Die Präſidentin und Aurelie warfen ſich bei dieſen letzten Worten klägliche Blicke zu, aber keine der Damen wagte gegen die Anord⸗ nungen der allmächtigen Haushälterin auch nur ein Wort einzuwenden. Stillſchweigend folgten ſie ihr die breite Treppe hinauf, und ließen ſich ohne Widerrede in die häßlichſten und unbequemſten Zimmer ſperren, welche im ganzen Schloſſe zu finden waren.
Die jungen Herren gingen unterdeſſen, wie Madame es befohlen hatte, in den Park, und ſchlenderten zwiſchen den ſeit einem Viertel⸗ jahrhundert nicht verſchnittenen Buchenhecken und den verwüſteten Beeten ziellos umher. Ihre Unterhaltung war, wie das zwiſchen Brüdern zu ſein pflegt, nicht eben lebhaft. Die Abſpannung nach der durchſchwärmten Nacht, welche ſie während des Reitens weniger gefühlt hatten, machte ſich jetzt doppelt geltend.
„Ich bin müde wie ein Hund,“ ſagte Kuno, ſich auf eine morſche Holzbank ſetzend und die Beine von ſich ſtreckend.
„Meinſt Du etwa, ich nicht?“ ſagte Odo, dem Beiſpiele des älteren Bruders folgend.


