Die von Hohenſtein.
gewöhnlichen phlegmatiſchen Ruhe aufgeſchreckt hatten, indem ſie eifrig ihren Töchtern voran nach dem Schloſſe zu ging.
Auf der Schwelle der weitgeöffneten Hausthür überzeugten ſich die Damen indeſſen, daß ſie ſich ohne Grund ereifert hatten, denn ſie fanden in dem hohen mit Steinflieſen ausgelegten und rings mit Galerien verſehenen, ſtattlichen Flur die Obriſtin von Hohenſtein und ihre beiden Söhne, den Lieutenant Kuno und den Fähndrich Odo, in offenbar ſehr großer Verſtimmung, die bei dem unerwarteten Herein⸗ treten der Damen einem verlegenen Schrecken wich.
„Ah, Du auch hier, liebe Clotilde?“ ſagte die Obriſtin, ſchnell ihre Faſſung wiedergewinnend, und der Präſidentin mit offenen Armen entgegeneilend.
„Wie Du ſiehſt, liebe Selma!“ entgegnete die Präſidentin, die Umarmung ſehr flüchtig erwidernd.
„Nein, wie reizend! Wann ſeid Ihr denn gekommen? Und Ihr Mädchen, wie friſch Ihr ausſeht! wie die Roſen! Keine Spur von geſtern mehr! Ihr könnt Euch ein Beiſpiel an Euren Couſinen neh⸗ men, ihr jungen Herren!“
Den beiden jungen Herren ſchien es allerdings ſehr nöthig, daß ſie ſich ein anderes und womöglich beſſeres Beiſpiel nahmen, als das, welchem ſie offenbar bisher gefolgt waren. Wenn ihr bleichgelbes Ausſehen, die Mattigkeit ihrer waſſerblauen Augen und ihre ſchlaffe Haltung in der That nur„Spuren von geſtern“ waren, ſo waren es mindeſtens ſehr ausgeprägte Spuren. Beſonders ſchien den Fähndrich das Leben ſchon ſtark mitgenommen zu haben. Sein Geſicht, auf dem ſich eben der erſte Flaum zeigte, hatte einen Zug, der an jene Greiſenhaftigkeit erinnerte, die man oft bei ganz kleinen Kindern und bei vielen Affengeſchlechtern wahrnimmt. Der Lieutenant hatte ſich etwas beſſer conſervirt, was indeß weniger eine Folge der größeren Solidität ſeiner Grundſätze, als der etwas derberen Structur ſeines Körpers ſein mochte. Beide junge Leute waren lang, blond und ziemlich hübſch, und in allen dieſc Eigenſchaften Ebenbilder ihrer Mutter.
Das Benehmen der beiden älteren Damen war trotz aller ſchein⸗ baren Herzlichkeit ein ſehr gezwungenes, ungefähr wie das zweier falſcher Spieler, die ſich nach den erſten Karten durchſchaut haben,


