Erſter Band 3
durch Regelmäßigkeit ausgezeichnet hatten, waren jetzt durch Indolenz und Wohlleben ſtark in die Breite gezogen. Nur das noch immer ſchöne, glänzend dunkle ſtarke Haar und die braunen, noch immer venußfüchtigen Augen erinnerten frühere Liebhaber an die Clotilde von ehemals, die gefeierte Königin der Reſidenzbälle.
Dieſelben Autoritäten behaupteten, daß von den beiden Töchtern die ältere und kleinere ihrer Mutter am ähnlichſten ſei; und in der That, wenn man die Quinteſſenz von dem Weſen der Mutter in der Sinnlichkeit fand, ſo war dieſer Grundzug in der Erſcheinung der neunzehnjährigen Aurelie ſehr ſtark ausgeprägt. Sinnlich war der Glanz der nicht eben großen, aber deſto glänzenderen dunklen Augen, ſinnlich die etwas ſtarken kirſchrothen Lippen, ſinnlich die ſatten For⸗ men von Hals und Nacken und Büſte, die jetzt, wie die junge Dame einen Augenblick die ſchwarzſeidene Mantille auf die volle Hüfte gleiten ließ, wie Marmor in dem hellen Sonnenlicht leuchteten.— Dennoch war Aurelie in dem günſtigſten Falle nur hübſch zu nennen; aber ihre zwei Jahre jüngere Schweſter Camilla war ohne alle Frage eine Schönheit. Um einen halben Kopf größer als Aurelie und eben ſo viel kleiner als ihre faſt zu ſtattliche Mutter, zeigte ihr ſchlanker Wuchs das reizendſte Ebenmaß der Glieder und ihre Formen jene knospende Anmuth, die ſich zur weiblichen Fülle verhält wie die Blüthe zur Frucht. Auch die Züge ihres lieblich ovalen Geſichts waren von einer ungemeinen Zartheit, ebenſo wie der weiche, viel⸗ leicht etwas zu matte Ton der Haut. Kenner rühmten an der jungen Dame als beſonders reizend, daß die Farbe ihres weichen, glänzenden Haars viel lichter war, als die Farbe der feingeſchweiften Brauen und der langen, ſeidenen Wimpern, die ſich ſo anmuthig über die dunklen, in feuchtem Glanze ſchwimmenden Augen ſenkten.„Wahr⸗ lich! wenn ein Engel vom Himmel auf die dunkle Erde herabgeſandt worden wäre, er würde um die Vergünſtigung bitten, in dieſer Licht⸗ geſtalt den Menſchen zu erſcheinen!“ hatte erſt ganz vor Kurzem der Maler Kettenberg ausgerufen, als er in einer Abendgeſellſchaft beim Präſidenten während des Carnevals unter andern lebenden Bildern Fräulein Camilla als Mignon„geſtellt“ hatte.
„Ich bin müde, Kinder,“ ſagte die Präſidentin, indem ſie ſich
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