Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hofe. 157

Ja, es war Sonnenſchein in dem alten Herrenhaus, und kein Zweifel, daß dieſer milde Glanz von Roſe ausging. Alles hing an ihren Blicken, an ihrem Munde. Wohin ſie kam, brachte ſie Frieden und Freude, wer nur ihre melodiſche herzliche Stimme hörte, athmete freier und leichter. Sie ſelbſt war vielleicht ein wenig bleicher, als ſonſt, und daher kam es auch wohl, daß ihre Augen noch größer und glänzender als ſonſt erſchienen.Sie werden mit jedem Tage ſchöner, Fräulein Roſe, ſagte der alte galante Doctor, und das dachte auch der Graf, obgleich er es nicht ſagte, und das dachte auch der Vater, wenn er ihr, wo immer ſie im Zimmer war, mit den Blicken folgte. Und niemals war ſie jetzt ſchöner, als wenn ſieihr Kind in den Armen hielt. Das kleine Weſen mit den feinen Zügen und den weit über ſein Alter verſtändigen blauen Augen, das ſich mit jedem Tag lieblicher entwickelte, war eine große Freude für Roſe und ein Gegen⸗ ſtand beſtändigen gutmüthigen Streites zwiſchen ihr und Frau Wenzel, welche behauptete, daß die kleine Anne von dem Fräulein ebenſo erzogen werde, wie alle Welt.

Der Graf konnte ſchon ohne beſondere Anſtrengung in dem Zim⸗ mer umhergehen, ja ſich aus einem in das andere begeben, und er ſprach zu Roſen, die er jetzt alle Tage ſah, wiederholt von ſeiner Ab⸗ ſicht, nach Lengsfeld überzuſiedeln. Roſe zuckte jedesmal die Achſeln und erwiderte, daß der Graf ja freier Herr ſeiner Handlungen ſei, daß aber der Docter noch heute erklärt habe, wie er für die Folgen einer Fahrt bei dieſem Wetter nicht ſtehen könne, und der Vater ausdrücklich wünſche, den Grafen vor ſeiner Abreiſe zu ſehen, ihn jetzt aber, da er ſich noch zu ſchwach fühle, nicht wohl empfangen könne.

Der Graf verbengte ſich und fagte: daß der Wunſch ihres Vaters für ihn Befehl ſei. Es ſchien ihm nicht allzu ſchwer zu werden, dieſem Befehle Folge zu leiſten.

So kam der Weihnachtsabend heran.

Herr von Weißenbach hatte Roſe wiederholt daran erinnert, dies⸗ mal doch ja, wie ſonſt, in dem Wohnzimmer den Weihnachtsbaum aufzuſtellen. Wenzel hatte denn auch, auf Roſe's Geheiß, die ſchlan⸗

keſte junge Tanne, die er im Park finden konnte, zurechtgehauen, und Roſe

hatte den Banm mit bunten Lichtern, Aepfeln, Nüſſen, Zuckerwerk