Röschen vom Hofe.
„Das ſollen Sie,“ ſagte Roſe und ein hoffnungsfreudiges Lächeln umſpielte ihren reizenden Mund;„aber, ehe Sie aus unſerem Hauſe gehen, müſſen Sie geſund werden, und damit Sie geſund werden, müſſen Sie allein bleiben. Der Doctor ſagt: Einſamkeit und Lange⸗ weile ſeien die beſten Krankenwärterinnen.“
Auf der Schwelle blieb ſie noch einmal ſtehen und nickte ihm zu.
Als ſie das Zimmer verlaſſen, war es dem Grafen, als habe ſich
plötzlich der Himmel verfinſtert.
vierundzwanzigſtes Capitel.
Seit dieſem Tage begann für Roſe ein an fröhlichen Hoffnungen reiches, wunderbares neues Leben. Draußen heulte der rauhe Decem⸗ berwind und wirbelten die Schneeflocken; aber in ihrem Herzen war es Frühling. Selbſt die ſchwarzen Trümmer des Brandes, die, ſoviel man auch davon ſchon abgefahren, immer noch hier und da aus der weißen Decke hervorragten; ſelbſt die Oede, die ſich rings um das Haus gebreitet hatte, konnten ihr keine Gedanken der Vergänglichkeit und des Todes erwecken. Eine ſchönere Welt, als die da draußen, baute ſich in ihrem Buſen auf. Muſik klang in ihrem Ohr, in ihrem Herzen. Oft waren es majeſtätiſche Fugen, als wenn eines Gottes Stimme die tiefſten Geheimniſſe des Menſchenlebens offenbarte; oft und öfter waren es anmuthige Melodien, die wie Schmetterlinge ſie umgaukelten, und alle, alle von bunten Blumen und Maienluft und warmem Sonnenſchein erzählten. Und voll von Sonnenſchein wurde durch ſie das düſtere Herrenhaus mit den verſchloſſenen Jalouſien; der alte Wenzel ſelbſt, den noch Niemand hatte lachen ſehen, war ordent⸗
lich wieder jung geworden, und hinkte ſchnell, wie nie zuvor, die
Treppen hinauf und hinab; ja ſeine Frau behauptete: er pfeife jetzt
leiſe vor ſich hin, wenn er die Kleider reinige. Doch war dieſe Be⸗
hauptung ſo abenteuerlich, daß ſie bei Niemand rechten Glauben fand.


