Röschen vom Hofe. 155
ſeinen, gegen meinen Willen. Wenn mein Verſtand ſie begreifen könnte, ſo würde ich ſagen: eine höhere Macht hat uns wieder zuſam⸗ mengeführt. Wie dem aber auch ſei, Roſe, eine höhere Macht giebt es, an die ich glaube von ganzer Seele, wenn meine Seele auch nicht groß genug iſt, ſie zu faſſen, das iſt die Liebe, die Liebe, die wie eine unendliche Kraft von Ihnen ausſtrahlt, die Liebe, die ich in Ihnen in ſchönſter Wahrheit leibhaftig vor mir ſehe.“
Der Graf hatte dieſe letzten Worte mit einer von Rührung zittern⸗ den Stimme geſprochen. Er ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann lächelnd:
„Ich habe in dieſer Zeit oft an eine Epiſode meines Lebens den⸗ ken müſſen, von der ich ſelten ſpreche, weil dieſe Erinnerung zu den Kleinodien meines Herzens gehört, die man nur den liebſten Freunden zeigen darf. Aus Gewohnheit habe ich ſelbſt gegen Sie, wo ich es durfte, die kleine Geſchichte nicht erwähnt.— Ich hatte in Algerien, bei Gelegenheit einer Jagdpartie, einen edlen Scheikh, ohne es zu wollen und ohne es zu wiſſen, auf das tödtlichſte beleidigt. Der Tod war mir gewiß, wenn ich in ſeine Hände fiel. Ich fiel in ſeine Hände, — ein fieberkranker Mann, der, auf einem Zuge durch die Wüſte, ſchon einen halben Tag beſinnungslos auf dem Pferde gehangen und am Abend von den Begleitern, die ſich nicht zu rathen und zu helfen wußten, vor dem Zelte eines unbekannten Kabylen abgeladen ward. Vier Wochen lang raſ'te ich im Fieber, gepflegt, gewartet mit auf⸗ opfernder Sorgfalt in der Höhle des Löwen, der mich zermalmt haben würde, wäre ich ihm unter freiem Himmel begegnet. Erſt als ich ge⸗ neſen war, entdeckte er ſich mir und entließ mich nicht, ohne mir eines ſeiner beſten Pferde— daſſelbe, das Sie ſo oft bewundert haben, Roſe, — zum Geſchenk zu machen.— Es iſt ein ſchönes und wahres Wort Leſſing's:„daß alle Länder gute Menſchen tragen“; und, Roſe, ich meine, daß dies nicht blos für alle Länder, ſondern auch für alle Stände, ja für alle Parteien, religiöſe und politiſche, gilt. Der Kampf iſt nicht zu vermeiden; aber man ſollte einem Gegner, den man ehrlich weiß, vor dem Kampfe und jedenfalls nach dem Kampfe die Hand drücken. Ich möchte Ihrem Vater die Hand drücken, Roſe, bevor ich ſein Haus verlaſſe.“


