152 Röschen vom Hofe.
— ich wollte freilich, ich hätte mehr geleſen!— ja aus meinem Leben ſelbſt. Es hatte mich nicht Weisheit und Geduld gelehrt, und daß Alles ſeine Zeit hat.“
Er ſtützte das Haupt auf die Hand und fuhr fort:
„Wir würden glücklicher ſein, Roſe, wenn wir das nie vergeſſen wollten. Es iſt ja ein anderer Ausdruck für das Geſetz der Vergäng⸗ lichkeit, dem Alles und wir Alle unterworfen ſind. Reiche werden zertrümmert, Völker ſchwinden dahin, die Geſchlechter der Menſchen drängen ſich, wie die Wellen eines Baches. Alles vergeht. Und doch, Roſe, giebt es einen Halt in dieſer Flucht der Zeit und der Erſchei⸗ nungen; einen Anker, der nicht bricht, ein Licht, das nicht erliſcht,— das iſt die Liebe, Roſe. Ich habe verſucht, mein Herz von Dir ab⸗ zuwenden— es iſt mir nicht gelungen; ich habe ſterben wollen, und bin am Leben geblieben. Leben und Dich lieben, mein gutes, edles Kind— ich ſehe jetzt, daß es für mich Eines und daſſelbe iſt.“
Roſe kniete neben dem Vater hin und legte ihren Kopf an ſeine Bruſt. Er ſtreichelte zärtlich das weiche, lockige Haar und ſagte: Ja, ja, mein Röschen, ich bin ein alter Mann, der ſeine Verluſte nicht mehr erſetzen kann; ich muß mit dem Wenigen, das mir bleibt, haus⸗ hälteriſch ſein. Mich freut jetzt nur am Menſchen das, was ſie zu⸗ ſammenhält und immer wieder zuſammentreibt: die Menſchenliebe, die herzliche, opferfreudige Theilnahme. Als an jenem Abend die Nach⸗ barn auf meinen Hof ſtrömten, und, wie eine große Schaar von Brü⸗ dern, Einer dem Andern und Alle mir halfen; als ich ſah, daß arme Tagelöhner, die nichts auf der weiten Gotteswelt zu verlieren hatten, und am anderen Morgen in aller Frühe wieder in die harte, undank⸗ bare Frohnde mußten, die lange rauhe Herbſtnacht hindurch die ſchwie⸗ ligen Hände regten, als arbeiteten ſie um ihr Leben— da habe ich mir geſchworen, von nun abzuthun allen Stolz und allen Hochmuth und in den Menſchen nur meine Brüder zu ſehen. Nein, Röschen, nimm ſie nur wieder fort, die Zeitungen! Mögen ſie es unter ſich aus⸗
machen; ich habe lange genug: Kreuziget, kreuziget! Hoſianah, hoſianah!
geſchrien, um in mich zu gehen, und ruhig den bunten, lärmenden Schwarm an mir vorüberziehen zu laſſen.“ Von dem Grafen hatte er zu Roſe in den erſten Tagen nicht ge⸗


