Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hofe. 151

lichkeit mit der Zähigkeit ſeines Weſens feſtgehalten, und die Antworten ſeiner Umgebung auf ſeine zum Theil in wunderlichſter Form vorge⸗ brachten Fragen ganz gut zu combiniren gewußt. Das einzige wirklich Neue war ihm der Sturz des Miniſteriums und die Abwendung der Gefahr, in der er in der letzten Zeit geſchwebt hatte. Indeſſen machte auch dies einen geringeren Eindruck auf ihn, als Roſe vermuthet hatte. Ich war auf das Schlimmſte gefaßt, weil ich das Schlimmſte wollte; und was das Miniſterium betrifft, ſo muß wohl die beſte Sache unter⸗ liegen, wenn ſie ſo ſchlecht verfochten wird; geſchweige denn eine, die, wie ich jetzt wohl ſehe, keineswegs ganz lauter iſt.

Eines Tages brachten die Blätter die Nachricht, daß Se. Hoch⸗ würden der Pfarrer von Lengsfeld, der gefeierte Redner auf der letzten allgemeinen Synode, als Conſiſtorialrath in den großen Nachbarſtaat gerufen ſei, und demnächſt in ſeine neuen Verhältniſſe eintreten werde. Roſe, welche dem Vater jetzt jeden Tag die Zeitung vorlas, hatte dieſe Notiz mit etwas unſicherer Stimme vorgetragen, aber der Vater, als wüßte er, was in ihren Gedanken vorging, lächelte und ſagte:Ich wünſchte, Roſe, das wäre zwei Jahre früher geſchehen; ich würde dann freilich manche Partie Piquet weniger geſpielt, aber mir auch die Demüthigung erſpart haben, mich von einem Charlatan, und noch dazu von einem ſo plumpen, ſo lange nasführen zu laſſen. Er hat mir geſchmeichelt und immer nur geſchmeichelt, und ich thörichter, alter Mann habe das Alles für baare Münze genommen. Hernach hat er das Blatt umgewandt, und mit mir geſprochen, wie mit einem hülfloſen Bettler. Er hat ſich auch um Dich keinen Dank verdient, Röschen.

Roſe hielt es nicht für angemeſſen, das Thema weiter zu verfolgen, oder gar den Vater mit dem Inhalte der letzten Zuſammenkunft, welche ſie mit dem Paſtor gehabt hatte, bekannt zu machen.

Während ſie noch immer in einiger Verlegenheit in der Zeitung nach einem weniger verfänglichen Thema blätterte, horchte der Vater ſchweigend dem leiſen Schlage der alten Uhr. Ein mildes Lächeln zog

über ſein Geſicht und mit ſanfter Stimme ſagte er:

Die Uhr iſt der Repräſentant der Zeit, und die Zeit iſt unſer Aller Lehrerin. Ich habe aus dem Tick⸗tack Tick⸗tack der Uhr da mehr gelernt, als aus allen Büchern, die ich in meinem Leben geleſen habe;