Röschen vom Hofe. 153
ſprochen und Roſe hatte ſchon viel über die ſchicklichſte Weiſe nachge⸗ ſonnen, wie ſie den Vater mit dem Umſtand bekannt machen könne, daß der Graf ſchon ſeit Wochen in ihrem Hauſe ſei, und bei dem kalten, ſtürmiſch⸗regneriſchen Wetter, das ſelbſt die kleine Fahrt nach Lengsfeld unmöglich machte, auch noch wochenlang werde bleiben müſſen. Wie freudig überraſcht war ſie deßhalb, als der Vater, ſeinen Mund zu ihrem Ohr neigend, ſagte:„Wir pflegten uns ſonſt, was uns be⸗ ſchäftigte, mitzutheilen. Warum erzählſt Du mir nicht, wie Du mit dem Kinde fortkommſt und wie es dem Grafen geht?“
Roſe ſtotterte erröthend eine verwirrte Antwort. Der Vater küßte ſie auf die Stirn:„Geh, mein Röschen, ich laſſe ihm gute Beſſerung wünſchen und ſag' ihm in meinem Namen, daß ich es mir zur Ehre ſchätze, den Mann, deſſen aufopferndem Muthe ich die Rettung meines Hauſes verdanke, in meinem Hauſe zum Gaſt zu haben.“
Es war das erſte Mal ſeit acht Tagen, daß Roſe wieder das Zimmer des Grafen betrat. Sie hatte, ſo lange es nothwendig war, ihn gepflegt und über ihn gewacht, wie über einen Nächſten, der der Hülfe bedurfte, und wie über einen Geliebten, deſſen Leben ihr theurer war, als das eigene. Sie würde, wenn ſie frei den Gefühlen ihres Herzens hätte folgen können, auch ſelbſt, als die erſte und ſchlimmſte Gefahr vorüber war, dieſe Pflege fortgeſetzt haben; aber die Rückſicht auf den Vater, deſſen Zuſtand die größte Schonung erforderte, machte es unmöglich. Mußte doch Roſe anfänglich noch erwarten, daß der Vater die Hand, die auch den Grafen pflegte, mit Abſchen von ſich ſtoßen würde.
Der Graf verſuchte, als Roſe eintrat, ſich aus dem Lehnſtuhl, in welchem er geſeſſen hatte, zu erheben; aber ſeine Kraftloſigkeit war ſo groß, daß er alsbald wieder zurückſank. Roſe trat eilend auf ihn zu; er ergriff mit der geſunden Hand(den rechten Arm trug er in der Binde) ihre Hand und zog ſie an ſeine Lippen und drückte ſie auf ſeine Augen, aus denen Thränen quollen.
„Verzeihen Sie dieſe Schwäche, Roſe;“ ſagte er,„aber ich habe mich ſo unendlich nach Ihnen geſehnt. So oft ich Ihren leichten
Schritt hörte oder Ihre liebe ſanfte Stimme, dachte ich: ſie kommt,
kommt zu dir; aber immer war es eine Täuſchung. Ich glaubte: ich


