Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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142 Röschen vom Hofe.

verluſt, den mehrere Wunden am Kopf verurſacht hatten, war zu be⸗ deutend geweſen. Indeſſen erſchienen dieſe ſowie ein Bruch des linken Schlüſſelbeins und mehrere ſtarke Quetſchungen an der Schulter dem erfahrenen Manne weniger gefährlich als eine Erſchütterung, die das Gehirn erlitten zu haben ſchien. Doch hatte ſich für den Augenblick darüber nichts entſcheiden laſſen.

Kaum minder Beſorgniß erregend war der Zuſtand des alten Herrn. Auch nachdem die Ohnmacht, die den durch phyſiſche Anſtren⸗ gung und ſeeliſche Aufregung zum Tode Erſchöpften befallen, gewichen war, hatte er das Bewußtſein nicht wieder erlangt. Man hatte ihn auf den Wunſch des Doctors in ſein Zimmer hinaufgetragen und zu Bett gebracht, während jener dem Grafen die erſten Verbände anlegte. So war geſchehen, was der Augenblick zuließ. Unterdeſſen jagte der Reitknecht des Grafen, der ſeinen Herrn herüberbegleitet hatte, in die Stadt, um einige Medicamente zu holen, welche der Hausapotheke des Doctors fehlten, und einen Arzt zu requiriren, an welchen jener ein paar Zeilen geſchrieben hatte.

Der Arzt aus der Reſidenz, Hof⸗ und Medicinalrath und Haus⸗ arzt der Familie während ihres Aufenthalts in der Stadt, kam noch vor Tagesanbruch. Er hielt eine längere Conſultation mit ſeinem ländlichen Collegen, theilte Roſen mit, daß er mit den Anordnungen deſſelben vollkommen einverſtanden, daß allerdings für Herrn von Weißenbach, ſo wie für den Grafen Gefahr vorhanden ſei, daß er in⸗ deſſen das Beſte hoffe, jedenfalls im Laufe des Tages noch einmal herauskommen wolle, im Falle ſich der Zuſtand des Einen oder Andern verſchlimmern ſollte. Ob Fräulein von Weißenbach Aufträge an Ihre Königlichen Hoheiten habe, die gewiß den lebhafteſten Antheil an dem Unglück, das ſie betroffen, nehmen würden?

Roſe hatte keine Aufträge an Ihre Königlichen Hoheiten.

Ein ſtiller, auf das Schlimmſte gefaßter Muth erfüllte die Seele des jungen Mädchens wie mit göttlichem Feuer. Thränenlos, blaß, aber ſonſt ſcheinbar ruhig, gab ſie ihre Befehle mit leiſer deutlicher Stimme, oder führte behend vorſichtig die Anordnungen des Doctors aus. Ohne eine Spur weiblicher Schwäche und Prüderie leiſtete ſie ihm in den erſten Stunden Beiſtand, wo er denſelben eben brauchte.