Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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132 Röschen vom Hofe.

Einundzwarzigſtes Capitel.

Die gute Frau Wenzel war über den Zuſtand, iu welchem ihr liebes Fräulein Röschen von der Unterredung mit dem Vater zurück⸗ gekommen war, nicht wenig erſchrocken geweſen. Sie hatte nie daran glauben wollen, was ihr Mann ſchon ſeit zwei Wochen tagtäglich wieder⸗ holte:„es gehe etwas vor im Hauſe,“ aber jetzt war es ihr denn doch, als ob nicht mehr Alles ſo ſei, wie in alter Zeit.

Der treuen Alten liefen die Thränen über die dicken Wangen, als ſie ihr Fräulein, ihr Herzblatt, ihr Kind— denn ſie hatte Roſen von den erſten Tagen an gepflegt, und war— mit Ausnahme des einen Jahres bei Hofe— ſtets bei ihr geweſen— auf dem Sopha mit einer Decke zudeckte, nachdem ſie ein paar vergebliche Verſuche gemacht hatte, ſie in die Höhe zu richten und in's Bett zu bringen. Die erfahrene Frau ſah wohl ein, daß dies keine eigentliche Ohnmacht, ſondern nur ein tiefer Schlaf war, wie ihn übergroße Aufregung und Anſtrengung hervorbringen und hatte deßhalb nach dieſer Seite hin weiter keine Beſorgniß; aber deſto mehr Sorge verurſachten ihr die letzten Worte, die Roſe geſprochen. Was war dies für eine Reiſe?„Ich muß das wiſſen,“ ſagte Frau Wenzel und verließ das Zimmer, wo ſie im Augen⸗ blick entbehrt werden konnte.

Nach kurzer Zeit kehrte ſie zurück— wenig befriedigt von dem

Reſultat ihrer Nachforſchung. Ihr Mann, den ſie zur Rede ſtellte,

hatte ſie grob angelaſſen: ſie ſolle ſich nur um ihre Frauenzimmerſachen bekümmern; er wiſſe, was er zu thun habe; und mit welchen unfreund⸗ lichen Worten er denn ſonſt gewohnt war, ihre Neugierde zurückzuweiſen. Frau Wenzel ſtand ſchon auf dem Punkte, zum gnädigen Herrn ſelbſt zu gehen; aber es fiel ihr noch zur rechten Zeit ein, daß, was Fräulein Röschen nicht glatt zu machen im Stande geweſen ſei, unter ihren Händen wohl auch nicht ſchlicht werden würde; und ſo kehrte ſie denn unverrichteter Sache und trauriger, als ſie gegangen war, zu„ihren Kindern“ zurück.