Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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126 Röschen vom Hofe.

geſchickte Kinderwärterin war. Daß ſie das Kind nicht einmal bei ſich behalten ſollte, wollte ihr allerdings nicht recht gefallen; ſie hatte ſich gerade das beſonders ſchön gedacht; aber die kluge Frau Wenzel lächelte und meinte: ſie würde auch von nebenan noch genug von dem Engelchen zu hören bekommen.

„Aber Fräulein Röschen,“ ſagte Frau Wenzel,„was iſt denn nur das mit dem Väterchen? Er war vorhin hier und fragte nach Ihnen und ſagte: er wolle morgen verreiſen. Ich weiß ja kein Wört⸗ chen davon.“

Roſe erſchrak. Der Vater verreiſen? allein? und morgen? was hatte das zu bedeuten? Er hatte heute Mittag nichts geſagt. Wie ſehr hatte ſie ſein Vertrauen verloren!— Das war ihr erſter ſchmerz⸗ licher Gedanke.

Sie verbarg der alten Frau, ſo gut es gehen wollte, ihre große Beſtürzung und verließ das Zimmer. In dem langen ſchmalen Corri⸗ dor begegnete ihr Wenzel mit einem Koffer auf der Schulter. Roſe ſchämte ſich zu fragen wohin damit, Wenzel? Sollte ſie von dem Diener erfahren, was der Vater vorhatte?

Ihr Herz pochte, als ſie vor der Thür ſtand. Alles war ſtill. Eine namenloſe Angſt ergriff ſie; ſie pochte leiſe; aber ſie wartete das Herein nicht ab und öffnete.

Vor dem Kamin, in welchem ein helles Feuer brannte, die Hände auf dem Rücken, ſtand der Vater, offenbar in tiefes Sinnen verloren, denn er hörte Roſe's Eintreten nicht. Die Flamme— es waren, wie Roſe jetzt ſah, Papiere, die brannten— beleuchtete hell ſein Ge⸗ ſicht und ſeine Geſtalt. Das ſcharfe, ernſte Profil ſah noch ſchärfer und ernſter aus in dieſer Beleuchtung und die lange hagere Geſtalt erſchien noch länger und hagerer. Nie hatte der Voter einen ſo großen imponirenden Eindruck auf ſie gemacht; ſelbſt in dieſem Moment empfand ſie den Stolz, mit dem ſie von jeher auf ihn geblickt hatte. Aber dann über⸗ wältigte ſie der Schmerz, aus dem Herzen eines ſolchen Vaters ver⸗ bannt zu ſein.

„Vater, lieber Vater!“

Herr von Weißenbach wandte ſich raſch um.

„Ah, Du biſt es, Roſe,“ ſagte er:„es iſt ſchön, daß Du