Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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124 Röschen vom Hofe.

die Dächer der Scheunen herüberragte, gab ihr die Beſinnung zurück, die ihr die Leidenſchaft des Grafen faſt geraubt hatte.

„Sie ſind grauſam,“ ſagte ſie,„wenn Sie in dieſem Augenblicke mehr fordern, als das Einzige, was ich Ihnen geben kann: das Ge⸗ ſtändniß meiner Liebe. Muß ich mich doch auch damit begnügen! Lieber, Geliebter! kannſt Du nicht geduldig ſein, wie ich es bin? Es muß einen Ausweg aus dieſem Irſal geben; ich ſehe ihn nicht; aber der Gott der Wahrheit, dem ich diene, wird ihn mich finden laſſen. Laß uns ſtark ſein, Geliebter, Einer um des Andern willen; laß uns gemeinſchaftlich tragen, was dem Einen unerträglich iſt. Und nun müſſen wir uns trennen, Geliebter! Wann wir uns wiederſehen— wer weiß es? Willſt Du mir meinen einzigen Troſt rauben, daß es geſchehen, bald geſchehen wird und glücklicher, als wir es jetzt zu denken wagen?“

Sie hatte ſeine beiden Hände ergriffen, und ſchaute ihm in die Augen. Es lag ein ſo wilder Schmerz in ſeinen Augen und ſein Geſicht erſchien in dem letzten grauen Dämmerſchein des Abends ſo bleich und entſtellt— Roſe ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und küßte ihn auf den Mund. Dann drängte ſie ihn mit ſanfter Gewalt von ſich und eilte auf dem kiesbeſtreuten Wege dem Hauſe zu.

Der Graf machte keinen Verſuch ihr zu folgen. Er war in Ver⸗ zweiflung. Seine Liebe zu dem holden Weſen, deſſen Stimme noch in ſeinem Ohr tönte, deſſen warmen Athem er noch auf ſeinen Lippen fühlte, war ſo groß, daß ſie ihm zum Schmerz wurde. Er hätte auf⸗ ſchreien mögen, wie ein zum Tode getroffenes Thier. Und was hatte er mit all ſeiner Liebe zu Wege gebracht? Er hatte ihr— ihr, für die er Tropfen um Tropfen ſein Blut hingegeben haben würde— die Laſt, die auf ihrer Seele lag, nur noch ſchwerer gemacht— er, er, der heute Vormittag aus der Stadt gekommen war, der ſein Pferd zur tollſten Eile angetrieben hatte, um ſo bald als möglich in Weißen⸗ bach zu ſein; er, der ſeit Stunden nur über ein Mittel geſonnen hatte, in ihre Nähe zu kommen, ihr ein Wort des Troſtes zu ſagen, das er für ſie in Bereitſchaft hatte!

Er lehnte ſich an den Stamm eines der alten Bäume, durch deſſen Wipfel der Abendwind rauſchte, und blickte mit ſtarren Augen,