122 Röschen vom Hofe.
Warum ſoll ich nicht ausſprechen, was Sie wiſſen? Aber kann in der Quelle, aus der wir Leben tranken, auch Gift verborgen ſein? kann Liebe Liebe tödten? Ich faſſe es nicht; meine Seele, mein Innerſtes ſträubt ſich gegen einen ſo gräßlichen Gedanken. Iſt es doch nur das eine Herz, mit dem ich fühle; das eine Herz, das für Sie ſchlägt und für meinen Vater ſchlägt. Mein alter Vater! kennen Sie ihn, wie ich ihn kenne! Wüßten Sie, wie voll Treue und Ehre ſeine Seele iſt! wüßten Sie, wie er mich geliebt hat, wie er mich in dem Herzen ſeines Herzens getragen hat, ſo lange ich athme! BVer⸗ danke ich ihm doch viel mehr, als blos mein Leben! Wenn Sie mich gerade offen und ehrlich, und aller Heuchelei feind gefunden haben— von wem habe ich das, wenn nicht von ihm! Er hat mich gelehrt, daß unſere Rede Ja, Ja ſein ſoll und Nein, Nein; hat es mich durch ſein Beiſpiel gelehrt. Die Leute nennen ihn einen Ariſtokraten; ich habe dafür keinen anderen Grund finden können, als, weil er zu ſtolz iſt, ſich zu einer Lüge zu verſtehen. Daß ſeine Erziehung ihm ſo manches Hülfsmittel der Bildung verſagte, daß er von jeher in Ver⸗ hältniſſen, in einer Umgebung gelebt hat, die ihm das Leben nur immer von der einen Seite zeigten, und ſo ſein von Natur klarer Blick getrübt wurde— ich habe es ſelbſt oft genug ſchmerzlich em⸗ pfunden, habe manchmal darunter gelitten, ohne daß es mich je in meiner Liebe hätte wanken machen können. Und ſo iſt er ein alter Mann geworden, ein alter, einſamer, freudloſer Mann, der ſeine Vereinſamung ſchmerzlich empfindet, der in der Liebe zu mir einen Erſatz für Alles ſuchte, was ihm das Leben, was ihm das Schickſal
verſagt hatte. Und jetzt glaubt er zu verlieren, was ihm Halt und
Troſt war; ja er glaubt es ſchon verloren zu haben; er glaubt nicht
mehr an meine Liebe— in dieſem Augenblick, da ihm die Liebe einer
Tochter, einer Freundin mehr als je noth thut, wo er einzubüßen
fürchtet, was er heilig gehalten hat, wie das Andenken ſeiner Eltern—
ſeinen ehrlichen alten Namen. Ich ſehe das, und kann nicht helfen;
ich fühle es, und muß es dulden. Es durchbohrt mein Herz, wie ein
zweiſchneidig Schwert. Ich habe Niemand, dem ich mein Leid klagen
kann; habe es bis zu dieſer Stunde Niemand ſo geklagt. Daß ich


