—.
Röschen vom Hofe.
als es die größere Menge der Frauen iſt; ich weiß nicht, ob dieſes Urtheil gerechtfertigt, ob es Ihnen nicht von einer für mich ſchmeichel⸗ haften Parteilichkeit dictirt war; ich weiß nur, daß ich mich von jeher bemüht habe, klar zu ſehen und die Dinge zu begreifen, wenn es irgend in meiner Macht lag. Daſſelbe Streben glaubte ich an Ihnen zu bemerken, und ich geſtehe, daß gerade dies es war und die freudige Hoffnung, mich an Ihrem reicheren Wiſſen, an Ihren kühneren Ideen aufzurichten, weiter zu bilden, was mich zuerſt zu Ihnen hinzog. Ich bin in großer Einſamkeit aufgewachſen, bin ſpäter in Kreiſe gekommen, wo der freie Gedanke und das freie Wort nicht leicht eine gute Stätte finden, und daher kam es wohl, daß anfänglich mich manche Ihrer Aeußerungen in Erſtaunen und Schrecken ſetzten, ja verletzten. Aber, wenn ich hernach im Stillen weiter darüber nachſann, fand ich ſtets, daß es nur die ungewohnte Form, der Ausdruck geweſen war, was mich ſo ſtutzig gemacht hatte,— der Geiſt Ihrer Rede war mir gar nicht ſo fremd; ich hatte Aehnliches wohl gedacht, gefühlt, nur daß ietzt Alles ſo viel klarer, deutlicher— ich möchte ſagen: greifbarer vor meiner Seele ſtand. Und ich ſonnte mich in dieſer Klarheit, die mich immer herrlicher umgab; ich dachte mir es göttlich ſchön, ſo weiter und weiter zu ſtreben, Alles, was noch von altem Wahn und alten Vorurtheilen in mir war, abzuthun; was noch dunkel war, auf⸗ zuhellen, in Gemeinſchaft mit einem Geiſte, dem ich dieſe Werdeluſt verdankte, in dem ich mein beſſeres, edleres Ich erkannte und ver⸗ ehrte, dem ich mich beugen durfte, und ach ſo gern, ſo willig beugen würde, der mein Freund und mein Bruder, mein Geliebter und mein Gatte ſein ſollte.“
„Das Alles—“ fagte der Graf mit einer Stimme, die von Wehmuth faſt erſtickt war,„das Alles dachten, träumten Sie, Roſe— und dennoch— dennoch—“
„Konnte ich dieſem Traum entſagen?“ unterbrach ihn Roſe ſanft; „nein, nicht entſagen! Was wir im Geiſte beſitzen, iſt unſer eigen— das habe ich ja noch eben aus Ihrem Munde gehört. Was Sie mir geweſen ſind, was Sie mir noch ſind, in aller Zukunft ſein werden, kann mir Niemand rauben, vielleicht nicht einmal Sie ſelbſt. Was wir im Geiſte beſitzen, das heißt in meiner Sprache: was wir lieben.


