118 Röschen vom Hofe.
„Nein, nein,“ ſagte Roſe:„nicht— ich bin erſchrocken,— weiß ich voch nicht, wie Sie gerade jetzt hierherkommen; aber— es iſt mir lieb, ſehr lieb, daß ich Sie ſehe; ich habe Ihnen ſehr viel zu ſagen. Sie werden mich, ja Sie müſſen mich ganz falſch beurtheilt haben,—“
„Wie Sie mich,“ ſagte der Graf.
„Nein, nein,“ entgegnete Roſe eifrig;„ich glaube Sie ganz richtig zu beurtheilen; jetzt wenigſtens, wenn ich auch vielleicht an jenem Abend, wo ich Sie zum letzten Male geſehen habe, vielleicht nicht dazu im Stande war. Damals kam mir Ihr Thun— ver⸗ zeihen Sie mir, wenn ich in der Eile nicht immer den rechten Aus⸗ druck finde, aber ich muß mich Ihnen gegenüber ausſprechen— damals kam mir Ihr Thun willkürlich, launiſch, rückſichtslos, wenn
Sie wollen, vor. Ich war kindiſch genug, zu glauben, daß ich Ihnen
nicht ganz gleichgültig ſei. Und nun ſagte ich mir: wenn Du Je⸗ mand lieb hätteſt, Du könnteſt ihm nicht ſo wehe thun. Aber das war gewiß thöricht; denn ein Mann hat andere Pflichten, andere Ideale, wie ein Weib. Wir wollen nur Die, welche wir lieben,
glücklich ſehen und glücklich machen, und wäre es ſelbſt dadurch, daß
wir perſönlich uns opfern; der Mann hat ſeine Philoſophie, ſeinen Glauben, ſeine Politik, ſeinen Ehrgeiz; er kann nicht ſagen: das be⸗ halte ich für mich, und das gebe ich dem Gott, dem ich diene. Dieſer Gott iſt ein ſtrenger, anſpruchsvoller Gott, der vielleicht mit We⸗ nigem nicht zufrieden iſt, der zuerſt die geiſtige Kraft des Mannes
fordert, ſeine Zeit, ſeine Arbeit, ſein Denken, und dann etwa hinter⸗
her ſein Herz, ſeine liebſten Träume und Wünſche, ſeine Hoffnungen auf eine freundliche Zukunft. O, es muß groß ſein, ſo Eines nach dem Andern auf die Stufen des Altars legen, ſich ſo ganz, ſo rück⸗ haltlos, ſo ungebrochen dem einen Ideal weihen! Wer von uns Frauen ſollte Euch Männer nicht beneiden?“
Der Graf lächelte bitter und ſagte:
„Ich weiß, daß Sie im Ernſt ſprechen, und doch iſt es mir faſt, als wollten Sie meiner ſpotten. Sie machen uns zu Hohen⸗ prieſtern, und wir ſelbſt wiſſen nur zu gut, wie oft die heilige Maske
eine Armeſündermiene bedeckt. Aber in dem Einen haben Sie aller⸗


