Röschen vom Hofe. 117
verſinken ſehen? Aber dieſelbe Hand iſt die Hand, die ich— nein, nein, nein! das kann der Vater nicht wollen! Das Weib dieſes Elenden, der mich für dreißig Silberlinge erſchachern zu können glaubt— nein, nein! ich will für ihn ſterben— aber das, das kann ich nicht.“
In einer Aufregung, die ſie gegen Alles, was umher war, gleichgiltig machte, ſchritt das junge Mädchen mit ſchnellen Schritten dahin, die Allee entlang, denſelben Weg, den ſie ſo oft in ganz an⸗ deren Stimmungen zurückgelegt. Als ſie den Ausgang erreichte, ſank die Sonne in dem Augenblick des Untergangs aus den Dunſtmaſſen, die ſie den ganzen Tag verhüllt hatten, und ſchwebte, eine feurige Kugel am Horizont. Ein paar ſchwache Strahlen, die alsbald wieder erloſchen, zitterten über die Ebene herüber, ſonſt Alles grau, wie der Himmel. Aus den tieferen Gründen ſtiegen Nebel heraus, die ſich wie Schleier über die Felder breiteten und höher und höher an den Hügeln hinaufwallten.
Und da blitzte es einen Moment wie das Gefunkel eines Dia⸗ manten herüber über die Nebel; es waren ein paar Fenſter im Schloſſe von Lengsfeld, die einer von den zitternden Strahlen getroffen hatte. Und dann war der purpurne Ball verſunken und die Erde bereit, die Nacht zu empfangen.
In Roſe's Augen ſchwamm noch das Nachbild der Sonne, als ſie ſich unwillkürlich von dem Ausgang der Allee rechts an dem Rande des Waldes hin nach dem FPlatze unter den Ahornbäumen wandte. Sie ſah nicht, daß, mit verſchränkten Armen, in die Ferne ſtarrend, an dem Steintiſch Jemand lehnte, der, als er das Raſcheln der Blätter unter dem Saum ihres Kleides vernahm, wie aus einem Traum in die Höhe fuhr; aber ſie hörte einen Ruf und in dem nächſten Augenblick ſtand der Graf vor ihr. Roſe's Herz zuckte, aber nur vor Ueberraſchung und Freude; ſie hätte ſich dem Geliebten in die Arme werfen mögen; aber ihre Füße waren wie an den Bo⸗ den gefeſſelt und ihre Hände hingen ſchlaff und machtlos an ihrem Körper herab.
„Ich muß Sie zum zweiten Male an derſelben Stelle erſchrecken,“ ſagte der Graf mit einem halb vorwurfsvollen Ton.


