Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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116 Röschen vom Hofe.

ihrer heißen Stirn ſo wohl; es erfaßte ſie ein unwiderſtehlicher Drang in's Freie. Sie mußte den Himmel über ſich haben und die Wolken ziehen ſehen. Sie nahm ein Tuch, das zur Hand lag, hüllte es ſich um die Schultern und eilte über den Hof in den Park.

Sie athmete mit Luſt den energiſchen Duft des modernden Laubes. Das Krächzen der Krähen, die eben von den Feldern zu Walde kamen, klang ihr wie befreundete Stimmen; das dumpfe Rauſchen des Windes durch die kahlen Büſche; ſein Raſcheln in dem trocknen Laub der Eichen; das gelegentliche Knarren der Föhren — es war ihr Alles Muſik, wie ſie eben brauchte; eine rauhe, wilde Muſik, die ſie verſtand, beſſer verſtand, als die falſche, gleißneriſche, freche Rede der Menſchen.

Was hatte ſie gethan, daß dieſer Menſch ihr das zu bieten wagte? Warum hatte ſie ihm nun doch nicht geſagt, wie ſehr ſie ihn haſſe und verachte, einen Menſchen ohne Erziehung, ohne Herz, ohne Geiſt, einen plumpen Geſellen, der die Stirn hat, um die Hand eines Mädchens anzuhalten, das ihm noch nicht das kleinſte Zeichen von Wohlwollen, geſchweige denn von Zuneigung, dafür aber tauſend und tauſend Beweiſe von Gleichgiltigkeit, ja Widerwillen gegeben hatte! Was hatte ſie gethan! Wie tief war ſie denn gefallen, daß dies möglich war?

Roſe blieb ſtehen und ſtampfte zornig mit dem Fuß und ſtrich haſtig eine Hand über die andere, wie um eine Verunreinigung von ſich abzuſtreifen.

„Aber es iſt des Vaters Schuld,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt, in⸗ dem ſie weiter ſchritt;„warum hat er ſich mit dem Elenden ſo weit eingelaſſen, ihn täglich faſt in ſein Haus eingeladen, mit ihm ſogar über ſeine Lage geſprochen, über dieſen Proceß— ja, mein Gott, was iſt denn das? hat er dem Vater denſelben Vorſchlag gemacht? und hat der Vater ihn angenommen? Nein! nein! Das konnte der Vater nicht! Und wenn er es doch könnte? ſo hätte ich ihn jetzt der Möglichkeit, vielleicht der einzigen Möglichkeit beraubt, dem Gefängniß zu entgehen, das ſein Tod ſein würde! Mein Gott, was habe ich denn gethan? Ich habe die Hand fortgeſtoßen, die den Vater retten konnte, und ſoll nun den Vater vor meinen Augen