54 Röschen vom Hofe.
angeſehen haben würde. So war denn der Graf klug geweſen und ſtumm geblieben, obgleich er jetzt, als die Stunde, in welcher er ſeine Gäſte erwarten durfte, vorüberging, ohne daß ſie kamen, ſeine pedan⸗ tiſche Zaghaftigkeit verwünſchte.
Endlich, als ſeine Ungeduld den höchſten Grad erreicht hatte, raſſelte die alte Familienkutſche auf den Hof. Der Graf eilte mit klopfendem Herzen die Treppe des Perrons hinab ſeinen Gäſten ent⸗ gegen, und ſein erſter Blick fiel auf den Paſtor, der eben aus dem Wagen geſprungen und dabei in's Stolpern gerathen war. Bei dem unerwarteten und unerwünſchten Anblick des geiſtlichen Herrn war es dem Grafen, als ob plötzlich ein grauer Schleier über die ganze Welt ſinke. Er mußte ſich ſehr zuſammennehmen, um Roſen, deren hohe Geſtalt jetzt zuſammengedrückt in der Wagenthür erſchien, und Herrn von Weißenbach, der zuletzt kam, nicht die grauſame Enttäuſchung, die er empfand, merken zu laſſen. Herr von Weißenbach hatte Wichtiges mit dem Herrn Paſtor zu beſprechen, war bei ihm vorgefahren und hatte ihn vermocht, mit auf das Schloß zu kommen, wo er des freund⸗ lichſten Empfanges von Seiten des Grafen verſichert ſein könne. Der Paſtor wagte zu hoffen, daß eine ſo mächtige Fürſprache auch einem noch Unwürdigeren die Thore des gaſtlichen Hauſes öffnen würde; der Graf verbeugte ſich und ſagte mit einem Lächeln, das vielleicht etwas gezwungen war, es bedürfe einer Entſchuldigung ganz und gar nicht. Er ſuchte Roſe's Augen, um aus ihnen in dem Unglück, das ihn be⸗ troffen, Troſt zu ſchöpfen, aber Roſe's Blicke ſchienen die ſeinen zu vermeiden. Das verſtimmte den Grafen nur noch mehr.
Roſe hatte ihre Ankündigung, zu dieſem Tage eine glänzende Toilette zu machen, nicht ausgeführt. Sie trug daſſelbe ſchlichte Kleid von hellem Sommerzeug mit einem zarten roſa Muſter, in welchem ſie der Graf an jenem Morgen unter den Ahornbäumen zum erſten Male geſehen hatte; nicht den mindeſten Schmuck, kein Band, keine Schleife; ſelbſt der breitkrämpige Strohhut erfreute ſich noch immer keiner anderen Garnitur. Der Graf wußte nicht, ob er dieſe offen⸗ bar abſichtliche Einfachheit günſtig oder ungünſtig für ſich auslegen ſollte; er war zu verwirrt und zu verſtimmt, um über irgend Etwas in dieſem Augenblicke mit ſich in's Reine zu kommen. Er wußte nur,


