Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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46 Röschen vom Hofe.

zu ſprechen, weil die kleinſte Stockung in der Rede oft hinreichte, Roſen aus ihrer Nachdenklichkeit aufzuſchrecken. Sie athmete dann tief auf, richtete ſich in die Höhe, warf die kurzen anmuthigen Locken mit einer ſchnellen Bewegung des ſchönen Kopfes nach hinten, und bemerkte, daß der Graf geſtern oder vorgeſtern viel beſſer erzählt habe, als heute. Roſe ſelbſt beſaß die Gabe geiſtreicher Rede in einem ungewöhnlich hohen Grade, und der Graf konnte ſich über die glücklichen Wendungen und bezeichnenden Ausdrücke, die ihr in Fülle zu Gebote ſtanden, nicht genug freuen, ſelbſt dann, wenn dieſe ſcharfen Waffen ſich gegen ihn wandten, und er die größte Mühe hatte, ſeine Behauptungen aufrecht zu erhalten. Bei dieſen Wortgefechten ſtrahlte ihr Geſicht von Muthwillen und gelegentlich von Schadenfreude, wenn der Graf zugeſtehen mußte, daß er die Sache allerdings noch nicht aus dem von dem Fräulein gewählten Geſichtspunkte betrachtet habe.

Aber am ſchönſten war Roſe jedenfalls, wenn ſie ſich— was ſie aber ſehr ſelten und nur auf ganz beſonders dringendes Bitten that— nach dem Thee an den Flügel ſetzte, und ihre ſchlanken Finger über die Taſten eilten. Ihr Geſicht wurde etwas bleicher, als wohl ſonſt: ihre Augen erſchienen größer und waren von einem feuchten glänzenden Schimmer wie verklärt.„Muſe, ſchöne, ſchöne Muſe,“ murmelte der Graf, während er, um ſie nicht zu ſtören, ſo weit als möglich von ihr entfernt, am liebſten von dem Nebenzimmer aus durch die offene Thür ſie beobachtete. Die Leidenſchaft für Muſik im Allgemeinen und Clavierſpiel im Beſonderen gehörte ebenfalls zu den Neigungen, welche ſich erſt in jüngſter Zeit bei dem Grafen ein⸗ geſtellt hatten. Er hatte ſich bis dahin das Verſtändniß dieſer Kunſt vollkommen abgeſprochen, weil er nur am Geſang von Liedern, be⸗ ſonders Volksliedern, zumal den vierſtimmigen, eine reine Freude empfand, Inſtrumentalmuſik dagegen ihn leicht ermüdete, ja melan⸗ choliſch machte. Jetzt aber war ihm keine Beethoven'ſche Sonate zu lang; er hatte, was er bis jetzt ſo ſehr vermißt, die Texte zu allen Andante's, Adagio's und Scherzo's gefunden, und dieſe Terte waren ihm die wie in Andacht feſt geſchloſſenen Lippen, die ſinnige, von den leichten Locken umkränzte Stirn und die in feuchtem Schimmer ſtrah⸗ lenden Augen der Künſtlerin.