Röschen vom Hofe. 45
knochigen Rappen, der ſtets mit hintenübergelegten Ohren nach dem Ankömmling ſchnappte— an die Krippe band, zur großen Entrüſtung des alten Wenzel, der darin einen Eingriff in ſeine Rechte ſah. Der Graf hatte ſogar ſchon einen beſtimmten Platz an dem Theetiſch, und es beunruhigte ihn eines Abends ſehr, als Wenzel in der Zerſtreuung, in welcher ſich der alte Mann bei der großen Menge ſeiner ver⸗ ſchiedenartigen Aemter faſt beſtändig befand, ſein Couvert auf die entgegengeſetzte Seite des Tiſches gelegt hatte, von wo er Roſe's Geſicht, wenn ſie den Thee eingoß, lange nicht ſo genau ſehen konnte. Las er doch ſo gern in dieſem Geſicht! und gab es doch ſo Vieles darin zu leſen! Welch' ſonnige Welt von Schalkheit und Laune, wenn es lachte! welch' unergründliches Meer von Tiefſinn und Schwer⸗ muth, wenn es ernſt war! Und es war jetzt öfter ernſt, wenn der Graf von ſeinen langen und weiten Reiſen erzählte. Er hatte, un⸗ abhängig und unbeſchäftigt, wie er war, und im Beſitze eines ſehr großen, geſicherten Vermögens, ſeine Reiſen ganz nach ſeinem Ge⸗ fallen einrichten können. Er war auf ſeinen orientaliſchen Wan⸗ derungen in Gegenden vorgedrungen, die ſelten der Fuß eines Europäers betrat; und ſelbſt auf ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen durch die Länder des ſüdlichen Europas hatte er ſich oft wochenlang in tief verſteckten Thälern, einſamen Bergdörfern, die von der großen Touriſten⸗ ſtraße weit ablagen und in Folge deſſen wenig oder gar nicht gekannt waren, aufgehalten, und oft gerade an ſolchen Orten die intereſſante⸗ ſten Beobachtungen gemacht und die reichſten Erfahrungen geſammelt. Daß man nicht zehn Jahre faſt ohne Unterbrechung reiſen kann, ohne eine und die andere Gefahr zu beſtehen, war am Ende natürlich, und der Graf ſprach von dieſen Gefahren mit der ungeſchminkten Ein⸗ fachheit eines Mannes, dem Tapferkeit angeboren iſt und der in Folge deſſen ſich nur wundert, wenn er Jemand nicht tapfer ſieht. Manch⸗ mal wurde er erſt durch den Ausdruck von Roſe's Geſicht daran er⸗ innert, daß die Lage, in der er ſich ſchilderte, auch wohl einen anderen Ausgang hätte nehmen können. Das junge Mädchen pflegte in ſolchen Momenten den Kopf in die Hand zu ſtützen; ihre großen und aus⸗ drucksvollen blauen Augen hefteten ſich in ängſtlicher Starrheit auf den Erzähler, und er gab ſich Mühe, dann ſo fließend als möglich


